free website hit counter Szenemagazin - Heilung in der Halle 622 bei Blutmond

Heilung in der Halle 622 bei Blutmond

Heilung in der Halle 622 bei Blutmond Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Es ist wohl nichts passender, als das Konzert von Heilung am Tag der Mondfinsternis. Die Nordic-Ritual-Folk-Band tritt in der Halle 622 auf.

Viele reden vom Mond im Retrograd, der Energien und Veränderungen mit sich bringen soll. Zeit, um zu meditieren und sich überlegen, was man behalten und was man loslassen soll, so heisst es. Und dass Meditieren im Kollektiv einen erhöhten Effekt haben soll, hat sicher auch schon jeder einmal gehört. Ich bin neugierig. Heilung hat ihren Namen nicht zufällig gewählt. Hier soll der Name auch Programm sein. Sie nennen es Klänge und Laute aus vergangenen Zeiten, die uns einerseits in diesen Meditationsstatus versetzen und uns mit unserem inneren Selbst in Verbindung bringen sollen.

Eingestimmt werden wir von der Italienerin Lili Refrain.  Ihr Set ist schlicht, schwarzer Hintergrund, alles Technische ist mit schwarzen Tüchern abgedeckt. Sie spielt diverse Instrumente, die sie auf der Loopstation mit ihren Chants verbindet. Mit bemaltem Gesicht und schwarzem Kleid erschafft sie ein erstes Mal eine spezielle Atmosphäre. Das Publikum ist noch nicht so ganz angekommen wie es scheint und so ist ein Grundrauschen aus Geplapper unüberhörbar. Am Ende kündigt sie ihren letzten Titel an, der dann im Gegensatz zu den vorangegangenen Nummern nur eine knappe Minute dauert. Sie bedankt sich in englisch mit charmantem Akzent und verlässt die Bühne.

 

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Der schwarze Hintergrund wird heruntergelassen und die Fläche verdoppelt sich - und enthüllt eine Kulisse aus Bäumen, hängenden Trommeln und weiteren Instrumenten. Mein Fotografenherz macht Hochsprung. Dann wird kräftig Rauch in den Saal geblasen, dass man beinahe nichts mehr von all der Pracht sieht und mein Herz sinkt. Schade, ich fürchte, das werden kontrastarme Bilder. Dann betritt Kai Uwe Faust in einer Schamanentracht die Bühne. Zuerst dachte ich, er hat Salbei angezündet, doch es dauert nur wenige Augenblicke, bis ich den Geruch von Weihrauch in der Nase habe. Nein, ich mag Weihrauch nicht. Ich sage dann immer scherzhaft, ich sei im letzten Leben vermutlich eine Hexe gewesen und von der Kirche verfolgt worden.

Der Rauch auf der Bühne wird immer dichter und ich warte gespannt darauf, dass die Trommeln einsetzen - denn erst ab dem Zeitpunkt dürfen wir fotografieren. Es kommen immer mehr Menschen auf die Stage und bilden einen Kreis. Reihum wird jeder in einer Art Ritual von negativen Energien befreit. 

Das dauert natürlich seine Zeit. Doch dann ist es so weit und Christopher Juul schlägt die Trommel. Was uns geboten wird, ist beinahe eine Reizüberflutung an Eindrücken. Sie tragen Trachten und Gewänder aus der Eisen- und Wikingerzeit und nutzen für ihre Performance Instrumente und Gegenstände, die in diesen Epochen auch schon verfügbar waren.  Beispielsweise Rasseln, Gebetsglocken, Trommeln, Speere oder Knochen. Letzteres habe ich nicht gesehen, aber vielleicht war ich auf der Galerie oben zu weit weg, um Details wahrzunehmen. Dafür hatte ich von da aus einen imposanten Blick auf das gesamte Bühnenbild. 

 

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Die Band wurde 2014 von Kai Uwe Faust, Christopher Juul und Maria Franz formiert. Der Begriff «Band» irritiert mich noch immer. Ist das wirklich der korrekte Begriff? Es wird getrommelt, gefiedelt, getanzt und gesungen respektive gechanted. Und das in den unterschiedlichsten Sprachen: Deutsch, Englisch, Gotisch, Latein und Urnordisch. Maria Franz trägt ein weisses Gewand mit Geweih auf dem Kopf. Ihre Erscheinung unterstreicht die ätherische Stimme und zieht mich etwas in ihren Bann. Während beinahe 10 Minuten chanten, trommeln und tanzen sie ununterbrochen. Das Licht wird effektvoll eingesetzt, was später dann von weiter weg noch viel besser zur Geltung kommt.

Die Halle hat sich zwischenzeitlich etwas mehr gefüllt, aber ich habe schon mehr Menschen in dieser Location erlebt. Sie stehen in lockerem Abstand zueinander bis auf Höhe der letzten Notausgänge, bevor die Galerie beginnt. Spannenderweise hatte ich vom Publikum in meinem Kopf eine ganz andere Vorstellung. Es war so bunt gemischt, wie an jedem anderen Konzert auch und ich habe mich keine Sekunde irgendwie deplatziert oder unwohl gefühlt. Im Gegenteil. Ich habe es genossen, den Darbietungen zuzusehen und mich im Rhythmus der Trommelschläge zu wiegen.

Ist Heilung ein Act für jedermann? Ich denke nicht. Ich habe mir sagen lassen, wer sich noch nie mit dem Thema Meditation oder energetischen Schwingungen auseinandergesetzt hat, dem dürfte es nach einer gewissen Zeit wohl «zu viel» werden. Auch wenn man es nicht merkt, man konsumiert nicht einfach, wie an normalen Konzerten und das kann ermüden. Wem die Schwingungen zu hoch werden, bekommt Kopfschmerzen. Ich für meinen Teil sass gute 45 Minuten im Schneidersitz auf der Galerie oben. Einerseits, damit ich niemandem im Weg war um zu fotografieren und weil ich so auch mal einen Moment die Augen schliessen und nur der Musik lauschen konnte.

Für mich war dieser Abend unglaublich spannend. Ich habe vor einiger Zeit angefangen, Meditationen in meinen Alltag zu integrieren. Ich nutze zwar auch Musik dafür, aber eine ganz andere Art. Weniger erdverbundene Klänge, keine Trommeln, kein Chanting. Genauso wie die Geschmäcker bei anderen Dingen unterschiedlich sind, ist auch hier eine unglaubliche Vielfalt an Klängen vorhanden, um zu entspannen. Für mich habe ich heute rausgefunden, dass ich die Art von Musik zwar mag, aber nicht dafür nutzen würde, mich in eine meditativen Zustand zu versetzen.

 

 

 

 

Eventdatum: 08.11.2022

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Halle 622, Zürich

Veranstalter: act Entertainment 

Zuschauerzahl: unbekannt

 

  

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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