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Sam Ryder gibt intimes Konzert im Papiersaal

Sam Ryder gibt intimes Konzert im Papiersaal Michelle Brügger / szenemagazin.ch

 Nachdem sein Gig Ende April wegen seiner Teilnahme am Eurovision Song Contest abgesagt worden war, tritt er am Halloween-Abend im ausverkauften Papiersaal auf.

Vielleicht bin ich tatsächlich zu viel auf TikTok unterwegs. Aber auch Sam Ryder ist ein Musiker, den ich auf dieser Plattform entdeckt habe. Zusammen mit über 13 Millionen anderen. Von 2010 bis 2014 war er mit verschiedenen Bands wie «Blessed by a Broken Heart» oder «Close Your Eyes» Frontmann resp. Gitarrist auf Tour. Danach wurde es still um ihn, bis er im Lockdown TikTok entdeckte. Seine Karriere hat Fahrt aufgenommen, nachdem er unzählige Covers von Lady Gaga, Sia, Adele und vielen anderen veröffentlichte und mit seiner Version von If I Ain’t Got You Ende 2020 von Alicia Keys gestiched wurde.

Auch ausserhalb von Social Media ist er inzwischen grosses Publikum gewohnt. Am diesjährigen Eurovision Song Contest hat Sam Ryder als Vertreter seines Heimatlandes UK mit Space Man den zweiten Platz belegt. Die Single schoss danach in den UK auf Platz 2 der Charts und schaffte es in der Schweiz auf Platz 45. Und weil er so viele spektakuläre Covers veröffentlichte, wurde er im September von Roger Taylor spontan an das Tribute-Konzert von Taylor Hawkins eingeladen, um zusammen mit Queen zu performen.

Umso erstaunter bin ich, dass er jetzt in Zürich im Papiersaal auftritt. Zwar ausverkauftes Haus, aber das ist in dieser Location ja relativ schnell mal der Fall. Es wird also ein sehr intimes Konzert werden, das wir an Halloween geniessen dürfen. Selbstverständlich ist auch ein Opener mit auf Tour. 

 

Tors gehen morgen im Zürichsee schwimmen

Tors ist eine Harmonic Indie Band aus Devon (UK), die Ende 2016 von den Brüdern Matt und Theo Weedon, Sam ‘Dirty’ Pritchard, Andrew Humphries und Jack ‘Math’ Bowden gegründet wurde. Musikalisches Talent liegt in der Familie, Grossvater Bert ‘Guitar Wizard’ Weedon hatte seine erste Band schon mit 13 und tourte später mit verschiedensten Grössen des Musikbusinesses. Sein Buch «Play In A Day» war unter anderem Grundstein für Musiker wie Eric Clapton, Keith Richards oder Paul McCartney. Natürlich auch für die beiden Brüder, die bei ihren Besuchen bei ihrem Grossvater zusammen Gitarre spielten.  Da verwundert es auch nicht, wenn bei ‘Grandad’ Künstler wie Jimmy Page, George Harrison oder Bryan May im Wohnzimmer sassen und Geschichten austauschten.

Die beiden Brüder gingen ihren Interessen immer gemeinsam nach. Ein paar Ausflüge nahmen sie jedoch unabhängig voneinander wahr. Während Matt Frontmann einer Indie-Band war, tourte Theo als Comedian-Duo und gewann den Musical Comedy Award 2013. Und wem sein Gesicht bekannt vorkommt: er war auch kurz mal das Body Double von Ewan McGregor. Während sie zwar unabhängig voneinander auftraten, hatten sie trotzdem eine gemeinsame Promotion-Firma und schrieben in ihrer Freizeit Songs. Sie drückten nochmals die Schulbank, um ihr Musikwissen zu fundieren und gründeten Tors. Von den ursprünglichen Gründungsmitgliedern sind noch Matt und Theo Weedon und Jack ‘Math’ Bowden am Schlagzeug in der Band. 

Da sie auf Akkustik-Tour sehr reduziert unterwegs sind, haben sie das Schlagzeug zu Hause gelassen. Er steht mit Bass auf der Bühne und wer es nicht weiss, merkt es vermutlich auch nicht. Nach dem Konzert habe ich ihn an der Bar darauf angesprochen. Jack konnte vor der Tour schon etwas Gitarre spielen und hat für die Tour extra Bass spielen gelernt. Er meinte, solange man mit Selbstvertrauen spielt, kann man über die Fehler hinwegtäuschen. Fehler? Ich habe keine Fehler gehört.

Ihnen gefällt Zürich. Und wir seien das höflichste Publikum, vor dem sie je aufgetreten seien. Kurz klatschen und dann wieder zuhören. Sie sehen nur glückliche Gesichter und fragen, wer gerade verliebt sei. Zürich müsse wirklich toll sein, wenn so viele Menschen happy sind. Als bei der Frage, wer depressiv sei, grade mal eine Person aufgestreckt hat, war es für die Jungs gelaufen. Sie seien depressiv und hätten keine Partner. Das liege dann wohl daran, dass sie in England und nicht hier leben würden, meint Matt Weedon. Morgen würden sie sich die Stadt ansehen und eine Runde schwimmen gehen. Die Reaktion im Publikum ist eindeutig: das ist doch viel zu kalt! Aber sie sind sich wohl tiefe Temperaturen gewohnt. Ihr Set ist eindeutig viel zu kurz, mir gefällt ihre Musik. Aber heute sind wir wegen Sam Ryder hier.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Sam Ryder hätte sicher mehr als 400 Fans in seine Overalltasche gesteckt

Der sympathische Brite mit umfangreicher Range steckt mit seiner guten Laune an. Geht es nur mir so oder hört man bei Space Man tatsächlich etwas Freddie Mercury raus? Ich bin bei jedem Song beeindruckt, wie seine Stimme sich wandelt und ein wenig anders anhört. Sein leichtes Vibrato ist aber immer mit am Start. Egal, ob es jetzt ein Uptempo-Song wie Living Without You (zusammen mit Singala und David Guetta) oder ein ruhiger Song wie Whirlwind ist. Marcel würde jetzt wieder sagen, ich sei ein Fangirl. Ja, vermutlich bin ich das. Ich bin Fan von Künstlern mit eindrucksvollen Stimmen, die in mir einen Ozean von Gefühlen auslösen. Und dazu zähle ich den stimmgewaltigen Strahlemann mit langem, wallendem Haar. 

Gestern noch als Frontmann von Queen am Taylor Hawkins Tribute-Konzert, heute im Papiersaal vor 400 Zuschauern. Von Starallüren keine Spur. Meine Journalisten-Kollegin Conny ist heute privat am Konzert und hat sich einen VIP-Upgrade gegönnt. Da ist ein Meet&Greet inkludiert und bevor sie auf Sam Ryder trifft, ist sie aufgeregt und etwas nervös. Die VIPs dürfen ihm Fragen stellen und kommen in den Genuss eines Mini-Privatkonzerts, als er einen Song anstimmt. Als sie mir danach davon erzählt, strahlt sie übers ganze Gesicht. Ziel erreicht, seine Fans sind happy.

Das Set ist schnell umgebaut. Ein kleines Tischchen mit einer Vintage-Lampe, ein Fusspedal für den Gitarristen, Setlists auf den Boden kleben und an jeder Ecke Mineralwasser hinstellen. Fast wie ein kleines Wohnzimmer, denn auf dem Boden liegt wie immer ein Teppich für eine bessere Akkustik. Dieser wird später noch am Rand festgeklebt, weil Sam praktisch jedes Mal an der Kante hängenbleibt, wenn er zum Publikum an der Seite geht.

Ganz zu Beginn des Konzerts sagt er, der Energie-Austausch sei wichtig. Geben und nehmen. Ob er sie auch mit mir tauscht und in meine Linse schaut? Leider nicht - mich ignoriert er die ganzen 3 Songs, während denen ich fotografieren darf. Wieso realisieren Künstler nicht, dass sie mir damit erstens Wertschätzung entgegenbringen und - noch wichtiger - damit nicht nur mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern? Schaut ein Musiker in meine Kamera, schaut er nachher auf dem Foto jedem in die Augen, der sich das Bild ansieht.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Eröffnet wird sein Gig mit Tiny Riot, den er nicht ganz zu Ende singt, erst Mal einen Schluck Wasser trinkt und ein wenig mit uns plaudert, bevor er ihn beendet. Die Stimmung im Saal ist super, es wird kräftig mitgesungen und applaudiert. Ryder sprüht vor Energie und singt sich in Höhen, wo andere längst nur noch krächzen würden. Zwischendurch schwelgt er in Erinnerungen. Verrät uns, dass er damals mit seiner Band in Venues wie dieser aufgetreten sei und wenn 10 Personen zuhörten, sei das schon viel gewesen.

Am Meet&Greet habe ich eine Frage reingeschmuggelt und Sam gefragt, was er denn zwischen 2014 und 2020 musikalisch gemacht habe. Er sang 8 Jahre lang auf Hochzeiten, meint er - und sagt scherzhaft, er hätte das Geld gebraucht. Und hängt dann an, es sei eine seiner spassigsten Musik-Zeiten gewesen, die er je erlebt hatte. Es sei auch unglaublich charakterbildend gewesen. Er sagt: «Wenn du an jemandes Hochzeit singst, bist du ihnen auf eine wunderschöne Art egal, weil sie grade den besten Tag ihres Lebens haben und du nur dort bist, um eine schöne Atmosphäre zu erschaffen. Du denkst, dieser Part im Whitney Houston-Song wird ihnen sicher enorm gefallen - und dann öffnest du die Augen und merkst, es interessiert sie nicht. Das lehrt dich, deine Bestätigung von dir selbst zu bekommen». So habe er acht Jahre mit Singen verbracht und gelernt, keine Bestätigung von aussen nötig zu haben. Das habe seine Seele erweitert, sagt er.

Die Setlist scheint eher ein Richtwert zu sein, denn er schmuggelt weitere Songs in seinen Auftritt und aus einer angekündigten Zugabe werden schlussendlich vier Songs. Unter anderem performt er in der Zugabe die neue Single All The Way Over, die am 4. November erscheint. Aus dem Publikum wird ihm ein Hut im Space Man-Design überreicht, den Fabienne - sie ist übrigens Hutmacherin - extra für ihn angefertigt hat. Diesen setzt er natürlich direkt auf und stimmt Space Man an. Alles hat ein Ende, auch dieses Konzert. Auch wenn die Lines für uns gestreckt, wiederholt und von uns nachgesungen wurden. Der Applaus sagt alles: Nicht nur die Meet&Greets sind «over the moon», auch die übrigen Besucher haben mit ihm abgehoben und setzen nur zögerlich zur Landung an. Wenn Sam Ryder das nächste Mal in der Schweiz spielen wird, bin ich mir ziemlich sicher, dass er vermutlich in einer grösseren Venue mit mehr Zuschauern auftreten wird.

 

 

 

Eventdatum: 31.10.2022

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Papiersaal, Zürich

Veranstalter: Just Because

Zuschauerzahl: 400

 

  

Publiziert in Konzert