Three Days Grace im Volkshaus
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Bereits eine halbe Stunde vor Türöffnung stehen die ersten Besucher vor dem Volkshaus Schlange. Ich drehe bis dahin noch eine Runde durchs Quartier und bin einmal mehr dankbar, mich nicht anstellen zu müssen.
Für einmal ist der Treffpunkt für die Fotografen am Hintereingang. Während wir warten, spaziert Neil Sanderson, Drummer von Three Days Grace, ein paar Mal rein und raus. Einer der Fotografen-Kollegen hat seine Tochter Ayline mit dabei. Für sie ist es das erste Konzert und sie ist freudig nervös. Die Tradition wird weitergetragen, sagt sie, denn auch Papa Rolis erstes Konzert fand im Volkshaus statt. Als wäre das nicht schon ein in Erinnerung bleibendes Ereignis, sehe ich den Leadsänger Matt Walst auf uns zukommen. Er stoppt, sagt hallo und fragt, ob wir ein Foto machen wollen – und fügt an, er sei der Sänger von Three Days Grace. Wissen wir, sagen wir grinsend, bevor Selfie-Time für Ayline ansteht. Mann, Mann, Mann… ich habe zu lange gezögert und die Gelegenheit verpasst.
Dann ist es so weit und wir werden reingelassen. Die Schlange vorhin täuschte, denn es ist bei weitem nicht ausverkauft, die Galerie ist geschlossen. Wer will, kommt problemlos bis in die erste Reihe. Vielleicht ändert sich das ja noch, bis Three Days Grace auftreten. Eröffnet wird der Abend von der amerikanischen alternative Metal-Band 10 Years, die 2000 gegründet wurde. Bisher brachten sie 9 Studioalben heraus, wovon es vier unter die Top 10 der Alternative Charts schafften. Ihr grösster Hit ist und bleibt die erste Singleauskopplung Wasteland, die mit Gold ausgezeichnet wurde und es in den Alternative Charts auf Platz 1 und in den Mainstream Charts auf Platz 2 schaffte.
Der Leadsänger Jesse Hasek betritt die Bühne mit der Pestmaske. Doch zu meinem Leidwesen fliegt die so dermassen schnell in eine Ecke, dass ich den Moment verpasst habe. Aus unserer Sicht hätten wir uns auch etwas mehr Licht gewünscht, aber dann wird’s halt etwas auf den Bildern rauschen. Je nach Musikrichtung passt das ja wieder, wenn die Fotos etwas rauer daherkommen. Zwischendurch wird der Sound fast sphärisch, als sie das Nirvana-Cover Heart Shaped Box spielen und das Publikum in Gespräche abdriftet. Ich frage mich auch später wieder, warum diese Leute nicht gemütlich zu Hause auf dem Sofa hockend eine CD im Hintergrund laufen lassen und die Musik so ignorieren, statt diejenigen mit mehr Respekt für die Künstler zu stören. Bei Wasteland sind aber alle wieder am Start. Spätestens dann, wenn Jesse Hasek kurzerhand ins Publikum springt – samt verkabeltem Mikrophon.
Es sei das erste Konzert von 10 years in Zürich und er versichert uns mehrfach, dass sie gerne wieder für einen Gig hierherkommen möchten. Den Zuschauern scheint es ebenfalls gefallen zu haben und applaudiert kräftig nach jedem Song. Am Schluss werfen sie Shirts, Handtücher, Drumsticks, Pleks und zerknüllte Setlists ins Publikum. Während des Umbaus stehen wir Fotografen wieder im Backstagebereich und schauen zu, wie alles seinen Platz findet in den Boxen. Ich kicke einen an, der gerade Brian Vodinhs Sachen verstaut, wo es als nächstes hingeht: Milano, sagt er. Aber wo genau wisse er gerade auch nicht und beginnt zu lachen.

3 Days Grace
Die kanadische Band existiert seit einem Vierteljahrhundert unter dem Namen Three Days Grace, in aktueller Besetzung sind sie aber erst seit 2013. Damals zog sich Mitbegründer Adam Gontier aus gesundheitlichen Gründen kurz vor Tourbeginn zurück. Brad Waists Bruder Matt, damals noch Frontsänger von My Darkest Dreams, sprang ein und wurde anschliessend offiziell Leadsänger der Band.
Obwohl sie seit 1997 als Three Days Grace performen, erschien das gleichnamige Debutalbum erst 2003, welches es in Kanada auf Platz 9 der Charts schaffte und sowohl in den USA als auch in der Heimat mit Platin ausgezeichnet wurde. Erfolgreichste Platzierung bisher ist ihr drittes Album «Life Starts Now», aber «One-X» verkaufte sich mit 5-fach Platin am meisten. Auf diesem sind auch die erfolgreichsten Singles Animal I Have Become, Pain und Never Too Late, die zu meinen Lieblings-Songs zählen.
Bei Painkiller singt das ganze Volkshaus energiegeladen mit. Aber nicht nur das Publikum tritt anders in Erscheinung. Vor dem Gig haben wir einen ruhigen, schon fast verlegenen Matt Walst getroffen. Auf der Bühne sehen wir jemanden, der Vollgas gibt, durchgeschwitzt und lebendig. Als sie sich für die Akustikversion von The High Road hinsetzen, sagen seine Bandkollegen auch, dass heute unverkennbar sein Alter Ego Jimmy auf der Bühne performe. Einmal mehr steigen leichte Aggressionen in mir hoch, als die Gruppe vor mir bei diesen sanften zwei Nummern so laut quatscht, dass ich die Musik fast nicht mehr höre. Wäre es ein bestuhltes Konzert, hätte ich ihnen gerne ein High Five gegeben. Mit dem Stuhl. Aber ich entscheide mich dann, nur die Augen zu rollen und tief durchzuatmen.
Bei Just like you holen sie zwei Leute auf die Bühne, die mitsingen sollen. Bei der Frage, woher sie seien, muss ich lachen. Die Frau ist aus Rumänien und der Mann aus Spanien. Und beide sind an einem Konzert in Zürich. Ok, Zürich ist wohl näher als Mailand, wenn man aus Madrid anreist. Aber ob Zürich näher ist als Bukarest ist, würde ich mal bezweifeln. Haben wir da gerade Hardcore-Fans erlebt? Beide legen eine gekonnte Show hin, aber es tönt einfach zu gut. Meine Vermutung, ihre Mikrofone seien gemutet oder zumindest unglaublich leise eingestellt, bestätigt sich denn auch gegen Ende des Songs.

Zu The Good Life hüpfen wieder alle und feiern ausgelassen. Doch beim nächsten Song wird es etwas melancholisch und die Feuerzeuge werden in die Luft gehalten, als Lifetime angestimmt wird. Er erläutert die Hintergründe zum Lied, einen geliebten Menschen zu verlieren und man deshalb jeden Augenblick geniessen soll. Wir wissen ja nie, wann es vorbei sei. Der Tornado vom 10. Dezember 2021 wurde als einer der tödlichsten in der jüngsten Geschichte eingestuft. Am härtesten traf es dabei Mayfield in Kentucky. Das Video Lifetime wurde dort gedreht und den Einwohnern dieser Stadt gewidmet. Die kanadische Band spendete 1$ pro verkauftes Ticket ihrer US-Tour, um einen Beitrag an den Wiederaufbau zu leisten. Nochmal: das ist eine kanadische Band, keine amerikanische Band. Ich ziehe meinen Hut.
Noch einmal werden die Gesangskünste des Publikums gefordert, als der Saal in zwei Gruppen eingeteilt wird. Die eine Seite singt «I», die andere «hate», aber das klappt nur in der Probe, denn beim Song I Hate Everything About You singen alle den ganzen Refrain mit. Wer kann es ihnen verdenken? Dies ist der letzte Song ihres Sets und ich bin ehrlich gesagt etwas enttäuscht von den Zuschauern. Sie scheinen wohl zu viel Gas gegeben zu haben während des Konzerts, denn die Zugabe-Rufe sind alles andere als energetisch. Aber sie kommen natürlich trotzdem nochmal auf die Bühne. Er richtet das Wort ans Publikum und sagt, dass jeder in seinem Leben mal Augenblicke hat, in denen einem depressive Gedanken kämen. Und wenn man die mit sich allein im Kopf rumdreht, sei das schwierig. Aber aufgeben? Nein. Es sei nie zu spät, Dinge zu ändern. Darum geht es auch in Never Too Late. Als letzten Titel spielen sie Riot, wo nochmal alle so richtig Gas geben, bevor das Licht im Saal angeht.
Three Days of Grace sind insgesamt 5 Wochen auf Europatournee unterwegs. Sie seien wie eine kleine Familie, verrät uns einer der Fahrer. Insgesamt haben sie 3 Trucks, in denen sie alles transportieren. Nächster Halt: Mailand. Mitte Oktober geht es dann nach Tel Aviv, bevor sie anschliessend bis Ende November in Kanada touren.
Eventdatum: 26.09.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Volkshaus, Zürich
Veranstalter: Goodnews AG
https://szenemagazin.ch/konzert/item/910-three-days-grace-im-volkshaus#sigProIdf3b64614ba
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