Jayler rockt voraus, Deep Purple bleiben würdevoll
Marcel Kaul / szenemagazin.ch
Die junge britische Band Jayler wärmt das Publikum vor, während der Auftritt von Deep Purple etwas gemächlicher daherkommt. Gute 10'000 Zuschauer geniessen die vielleicht letzte Zürcher Show ihrer Idole.
Der Anblick vor dem Eingang sagt viel über diesen Abend. Das Publikum geht gemütlich und auch der Altersdurchschnitt ist eher höher als sonst. Man merkt, heute Abend spielt nicht ein Popsternchen, sondern ein Rockstar. Drinnen füllt sich das Hallenstadion langsam. Kurz nach acht kommt die Vorband mit sehr viel Elan auf die Bühne. Jayler rockt während gut vierzig Minuten durch ein noch nicht ganz gefülltes Hallenstadion. Ich komme mir vor, als ob ich eine Zeitreise ca. 40 Jahre zurück gemacht hätte und an einem Led Zeppelin Konzert bin.
Es passt nicht nur die Musik. Auch das Wesen, die Frisuren, die Kleidung, alles passt irgendwie. Einfach genial. Diese Band hat sehr, sehr viel Potenzial. Die vier Musiker heissen James Bartholomew, Tyler Arrowsmith, Ricky Hodgkiss und Ed Evans. Bartholomew singt und spielt Gitarre, Arrowsmith die zweite Gitarre, Hodgkiss Bass und Keys, Evans das Schlagzeug.
Das ist die Besetzung, die im Mai das Debütalbum «Voices Unheard» eingespielt hat. Das Album steigt auf Platz zwei der UK Independent Album Breakers Chart und auf Platz drei der Official Rock and Metal Albums Chart. Im September folgt das Video zu «The Getaway». Es entsteht auf dem Cotswold Airport mit einem Ford Mustang von 1965 und einer Jakowlew Jak-3. Vor dieser Tour spielt die Band als Vorgruppe bei Guns N’ Roses in Brasilien und bei Sammy Hagar in Grossbritannien. Zum Song sagt die Band, es gehe nicht ums Weglaufen. «The Getaway» stehe für Freiheit, Brüderlichkeit und die Lust auf das, was als Nächstes kommt. Diesen Anspruch höre ich im Set deutlich heraus.
Die aktuelle Reise führt Jayler über 37 Arena-Shows durch Europa. Sie beginnt am 29. September in Sofia und endet am 25. November in der Royal Albert Hall in London. Zürich liegt als einzige Schweizer Station auf dieser Strecke. Das Hallenstadion singt mit, als James Bartholomew dazu auffordert. Die Gäste lassen sich mitnehmen. Die Stimmung trägt durch das ganze Set. Zum Schluss spielen Jayler noch «War Pigs» von Black Sabbath. Die Halle feiert dies.
In der Pause sitzen wir Fotografen zusammen und kommen alle zum selben Konsens. Diese Band war einfach spitze. Tolle Musik, tolle Band, toller Sound. Gerne mehr. Wenn diese Band so alt wird wie die Purple, dann steht sie in vierzig Jahren noch im Business. Voraussetzung ist, dass es dann noch Leute gibt, die diesen Sound hören wollen. Genau dort sehe ich das Problem dieser Band. Während wir so dasitzen und über die Vorband diskutieren, hören wir kurz zwei typische Hammond-Klänge aus der Halle und alle bekommen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
Danach gehören die nächsten eineinhalb Stunden und 18 Songs Deep Purple. Die fünf Musiker kommen sehr gemächlich auf die Bühne, während das Intro läuft. Dann starten sie mit Highway Star. Man spürt, dass sie nicht mehr die Jüngsten sind, denn sie sind alle gerade knapp um die achtzig Jahre alt. Sie sind nicht mehr ganz so beweglich, sie rennen nicht über die Bühne, aber das Wichtigste ist ja der Sound. Frontmann Ian Gillan macht immer wieder Pausen, während Instrumentales gespielt wird. Das soll nicht negativ klingen. Ich weiss nicht, ob ich dann in ihrem Alter überhaupt noch so agil bin. Es hat alles gepasst. Aber es wird vermutlich das letzte Mal gewesen sein, dass ich diese Band live sehe. Der Gedanke tut mir beinahe weh im Herzen.
Ian Gillan ist heute 81 Jahre alt. Neben ihm stehen Roger Glover am Bass, Don Airey an der Orgel, Simon McBride an der Gitarre und Ian Paice am Schlagzeug. Paice ist das einzige Gründungsmitglied, das noch dabei ist. Die Band entsteht 1968 in London. Mit «Deep Purple in Rock» und «Machine Head» wird sie Anfang der Siebzigerjahre zur Weltgrösse. Das Live-Album «Made in Japan» gilt bis heute als Meilenstein. 1975 trägt das Guinness-Buch der Rekorde sie als lauteste Popgruppe der Welt ein.
Die Geschichte beginnt 1967 als Roundabout. Ein Jahr später steht der Name Deep Purple. Mit Hush gelingt 1968 der erste Hit. 1969 wagt die Band das «Concerto for Group and Orchestra» mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Danach wird der Sound mit Ian Gillan am Mikrofon härter. 1976 löst sich die Band auf, 1984 folgt die Wiedervereinigung mit «Perfect Strangers». Über 130 Millionen Alben verkauft sie in dieser Zeit. 2016 kommt die Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame dazu. Jon Lord stirbt 2012, sein Orgelklang bleibt.
Die Musik ist immer noch da. Smoke on the Water entsteht nach dem Brand des Casinos in Montreux. Dieses Riff kennt jeder im Saal. Auch Black Night und Highway Star gehören zum Abend. Zu den Klassikern der Band gehören auch Child in Time mit seinem langen Mittelteil und Woman from Tokyo. Beide Stücke zeigen, warum Deep Purple den Hard Rock geprägt hat. Auf der Bühne steht dafür eine Hammond-Orgel, gespielt von Don Airey. Jon Lord hat diesen Klang erfunden, Airey führt ihn weiter.
Überraschungen werden wir heute Abend nicht erleben. Wenn ich mir die Setlists der vergangenen Konzerte anschaue, ist jede eins zu eins identisch. Die Band spielt also jeden Abend dasselbe Programm. Bei Herren, die in den Achtzigern sind, darf ich auch keine Show erwarten, die jeden Abend anders aussieht. Die Band hat ihre Abläufe. Sie hält sie durch. Ich bin schlichtweg froh und happy, dabei sein zu können. Also geniesse ich den Abend. Das Licht bleibt zurückhaltend, die Halle ist gross, der Sound klar. Die Musik steht im Zentrum. Das passt zu einer Band, die keine grossartigen Effekte mehr braucht.
Beim Blick ins Publikum sehe ich vor allem bei der Vorband das eine oder andere Kind im Golden Circle, da dieser noch nicht voll ist. Die Jüngsten stehen zwischen Eltern und Grosseltern und schauen nach vorn. Vielleicht ist die Hoffnung also nicht ganz verloren. Wenn diese Kinder den Sound gut finden und ihn weitertragen, dann höre ich in zwanzig oder dreissig Jahren vielleicht immer noch solche Musik am Radio. Das wäre ein schöner Nebeneffekt dieses Abends.
Dieser Abend zeigt beide Seiten. Eine junge Band spielt sich warm an einem Erbe, das sie noch nicht tragen muss. Eine alte Band spielt ihr Erbe, so gut es die Kräfte zulassen. Ich gehe mit einem guten Gefühl aus dem Hallenstadion. Jayler sehe ich zum ersten Mal und behalte den Namen. Deep Purple sehe ich vielleicht zum letzten Mal, was den Abend schwerer macht als jeden anderen. Draussen warten noch die neun Lastwagen und die zwei Reisecars die sie nach Mailand zur morgigen Show bringen. Sie touren noch bis Ende November durch die grossen Hallen Europas, bevor sie dann nach Südamerika über den Atlanik fliegen, um dort weitere sechs Shows abzuliefern.
Eventdatum: 16.10.2026
Fotograf: Marcel Kaul / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: TAKK ab Entertainment AG
Zuschauerzahl: geschätzt 10000
Jayler
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1572-jayler-rockt-voraus-deep-purple-bleiben-wuerdevoll#sigProIddbde382623
Deep Purple
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Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Marcel Kaul
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