Touch the Mountains - 2020
Janine Schönbächler / szenemagazin.ch
Das erste Schweizer Open-Air im neuen Jahr. Am ersten Tag im neuen Jahr, nach all den traditionellen
Anlässen zum Jahreswechsel, lässt es Interlaken nochmals so richtig krachen. Wie jedes Jahr bin ich auch mit dabei. Dieses Mal aber nicht im Golden Circle, sondern zum ersten Mal direkt an der Bühne mit meiner Kamera. Der Event findet zum 16. Mal statt und heute sind 28‘000 Besucher vor Ort. Das Open-Air organisiert jedes Jahr Top Schweizer Interpreten, die Jung und Alt in ihren Bann ziehen. Das Touch the Mountains ist ein Event für jedermann. Lediglich die Plätze im Golden Circle kosten. Die sind für die Besucher, die ihrem Lieblingskünstler besonders nah sein wollen. Zu einem erschwinglichen Preis von CHF 35.- sind sie zu haben. Ausserhalb dieses Bereichs kann man die Konzerte kostenlos sehen und hören. Es sind viele Videoleinwände aufgestellt. Die ganze Promenade in Interlaken verwandelt sich in eine grosse Festmeile. Für Verpflegung ist reichlich gesorgt. Ob Bier, Glühwein oder Bratwurst alles ist in diversen Festwirtschaften zu finden. Auch im Ice Magic, der grössten Eisbahn der Schweiz, kann man auf Schlittschuhen live dabei sein. Auf Kufen zur Musik über das Eis gleiten und den ersten Tag im Jahr sportlich geniessen. Die Stimmung ist aufgekratzt, vergnügt und feuchtfröhlich. Die Promenade ist rappelvoll und wenn man von der Bühne nach hinten schaut, sieht man nur noch ein Meer von fröhlichen und gut gelaunten Menschen. So kann das neue Jahr einfach nur noch stimmungsvoll beginnen.
Um 14:00 Uhr, bei dichtem Nebel und dick eingehüllt in seiner Daunenjacke betritt Stress (->Bilder) die Bühne. Das Publikum begrüsst Stress glückselig und sehr stimmungsvoll. Seine Präsenz war vom ersten Augenblick an zu spüren. Mit einer abwechslungsreichen Setlist seiner neuen und alten Songs, seiner Power und Energie, gelingt es dem Lausanner Rapper einmal mehr, die Bühne für sich einzunehmen und das Publikum für sich zu gewinnen. Er hat keine Berührungsängste und ruft dem Publikum zu:
Wir sind welsch und wir machen ein Bisschen Chaos hier.
Er zieht seine Jacke aus und blitzschnell hüpft er über den Zaun und steht mitten im Publikum. Er singt und hüpft mit ihnen um die Wette. Seine Gesangspartnerin Karolyn unterstützt ihn mit einer Hammer Stimme und folgt ihm ebenfalls für ein Duett ins Publikum. Dass Stress aber auch einen sensiblen Kern hat, spürt man. Er erzählt von seinen schweren Zeiten im Leben. Mit seinen Worten macht er dem Publikum klar, dass man Menschen mit Depressionen nicht abstempeln soll sondern sie unterstützen. „Ja, ich weiss heute wie ich mit meinen dunklen Gedanken umgehen muss. Sie kommen und gehen. Früher bin ich noch darüber erschrocken, was mich noch tiefer ins Loch gerissen hat aber das wird nicht mehr passieren, denn wichtig ist, dass man über Probleme spricht und sie nicht verdrängt.“ Danach stimmt er in den Song „Petite Pensée“ ein. Den er geschrieben hat, damit er eine Distanz zu den Gedanken gewinnen kann. Alles in allem ein toller Open-Air Auftakt und Stress, deine Show war einfach hammermässig.
Die zweite Band die sich auf die Bühne begibt, ist die Berner Band Halunke (->Bilder) welche nicht ganz bernerisch ist. Die Band Mitglieder stammen aus der ganzen Schweiz, aus Solothurn, Wallis und letztlich der kleine Bruder von Mark Forster aus Deutschland. Sie feiern dieses Jahr ihr 10 jähriges Jubiläum. Mit ihrem ersten Konzert starten sie freudig ins neue Jahr. Ihr grösster Fan, Beat Schlatter, ist extra nach Interlaken gereist, um hautnah bei ihrem ersten Auftritt dabei zu sein. Mit den Worten „Oh, das ist ja bitterkalt, mir frieren die Finger weg. Jetzt müssen wir uns bewegen“ begrüsst er das Publikum. Fleissig heizt der Singer/Songwriter Hänni, mit seinen kleinen Geschichten und Anekdoten das Publikum ein. Plötzlich ruft er ins Publikum: „jetzt bilden wir einen Laufsteg in der Mitte bis ganz nach hinten“. Das Publikum teilt sich und Hänni springt gekonnt über die Absperrung und geht über den Golden Circle hinaus rein ins Publikum. Hänni’s Frau und Managerin die zwar mitsingt aber eher den passiven Part auf der Bühne einnimmt, ist was langsamer. Sie steigt lieber über den bequemen Weg die Bühne runter und nimmt die Treppe. Hänni ruft schon ungeduldig seine Frau, denn ohne sie kann er das Duett nicht starten. Als sie es endlich geschafft hat zu Christian durchzukommen, singen sie wunderschön zusammen. Echt, eine tolle und gelungene Inszenierung, die dem Publikum wenigstens die Herzen erwärmen lässt, wenn es schon so kalt ist. Die Band beweist klar, dass sie durch und durch eine Live-Band ist. Das Publikum hat riesen Spass, macht bis ganz nach hinten mit. Sie singen die Songs textsicher mit, sie hüpfen, tanzen und schwingen ihre Arme im Takt. Die Songs sprühen nur so von Wortwitz und Ideenreichtum. Sie erzählen viele Geschichten, die das Leben schreibt. Ihr Stil ist sehr abwechslungsreich, vom poppigen Hip Hop bis zu Balladen. Einer berührt besonders und zwar ist es der Song „rote Wii“ von Polo Hofer. Hänni erzählt von seiner Zeit als er in der Band „Scream" spielte und der Vater der Schweizer Mundartmusik, Polo die junge Band als Vorband mit auf seine Tournee nahm. Polo Hofer prägte Christian Hänni‘s Musiker Karriere und so schickt er einen „wir vermissen dich“ Gruss an Polo in den Himmel. Wir haben ein abwechslungsreiches Konzert mit äusserst genialer Publikumsanimation genossen und man spürt das Herz-Blut der Band.
Der letzte Akt ist Lorenz Häberli und Luc Oggier alias Lo & Leduc (->Bilder). Sie sind in Begleitung ihrer 7-köpfigen kraftvollen Band mit folgenden Instrumenten: Saxophon, Trompete, Posaune, Harmonika, Keyboard, Bass, Gitarre und Schlagzeug. Es wird Lebensfreude pur von der Bühne versprüht. Die beiden Energiebündel heizen kräftig ein, so dass das Publikum bestimmt nicht mehr kalt hat. Auch die Lachmuskeln werden fleissig trainiert. Ihr Hit „079“ ging im November 2019 in der neusten Ausgabe der «Grössten Schweizer Hits» als klarer Sieger aus dem Rennen hervor. Der Hype um Lo & Leduc ist berechtigt. Das Publikum geht mit dem sympathischen Berner Mundartduo ab. Ich staune wie textsicher bei den Songs mitgesungen wird. Sie rufen ins Publikum: „jetzt seid ihr gefragt und zwar wollen wir Freestyle Rap machen. Ruft uns Worte zu, die euch spontan einfallen“. Es kommen Worte die ich sehr besonders finde: „Fleisch, Schnüz, Altjahrswoche, Orangensaft, Rauchwoke“. Erstaunlich, mit diesen Worten können die Jungs Rappen. Die Jungs wissen was Musik ist. Ihr Hip Hop gespickt mit heissen Latino-Rhythmen, chilligen Reggae-Beats, ravigen Synthezier und eingängigen Pop-Melodien verzaubern nicht nur mich, sondern das ganze Publikum. Sie sind sprachgewandt dass sogar ich, die auch sehr viel und schnell spricht, Mühe hat um nachzukommen. Ihre musikalische Vielfalt begeistert nicht nur die jungen, sondern alle sind ist hin und weg. Das ganze wird untermalt mit der tollen Stimme von Backgroundsängerin Julia. Es sind nicht die kalten Temperaturen, sondern der Sound von Lo & Leduc der zum Mittanzen verführt. Etwas ruhiger und besinnlicher wird es beim Song „Pluto“, bei dem sich Interlaken in ein Lichtermeer verwandelt. Für mich einer der schönsten Momente des ganzen Abends. Auch ein ganz besonderer Konzertabschluss bietet die Band. Die Jungs stellen jedes Bandmitglied vor, die danach aufhören zu spielen. Am Schluss ist nur noch der Gesang zu hören. Das Publikum verabschiedet sich mit tosendem Applaus. Danke für den krönenden Konzert Abschluss auch von mir.
Abgerundet wird der Event mit einem Pyro-Musical mit Best of von James Bond Musiktiteln. Das Feuerwerk verzauberte einfach. Eine Komposition aus verschiedenen Effekten und Lichtern schmücken den Nachthimmel mit wunderschöner und präzise passender Musik. Es war sehr beeindruckend und wunderschön. Leider verschwamm das Ganze im vielen im Nebel. Das Feuerwerk wurde gesponsert von Schilthorn Bahn und Interlaken Tourismus. Es hat sich wieder einmal mehr gelohnt, von Zürich nach Interlaken zu reisen, um das neue Jahr richtig einzuläuten und mit toller Musik und Menschen zu geniessen. Ich bedanke mich recht herzlich bei den Organisatoren des Touch the Mountains. Ihr schenkt vielen Menschen mit eurem Event bereits am ersten Tag des Jahres ein Lächeln, viel Glücksgefühl und einen guten Start in ein neues Jahr.
Eventdatum: 01.01.2020
Text: Janine Schönbächler / szenemagazin.ch
Fotograf: Janine Schönbächler / szenemagazin.ch
Location: Interlaken
Veranstalter: Touch the Mountains
Zuschauerzahl: ca. 28'000
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