Wer sich die Wetterprognosen für Samstag, 6. Juli 2024 in der Region Murten angeschaut hat, dürfte sich auf Dauerregen eingestellt haben. Für mich Grund genug, nebst den Regenschützen für die Kameras auch einen leichten Regenmantel einzupacken. Die Turnschuhe werden nach der Anfahrt im Auto bleiben und gegen kniehohe Gummistiefel ausgetauscht. Gummistiefel! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich sowas das letzte Mal an meinen Füssen hatte. Ein wenig Regen und Match haben mich bisher nicht davon abgehalten, Sneakers zu tragen. Aber bei der Prognose?
Es ist ungefähr halb eins, als ich nach einigem Suchen den Festivalparkplatz finde. Das wichtigste Schild war wohl ins hohe Gras gefallen. Neulinge wie ich haben so keine Ahnung, dass sie längst an der Zufahrt vorbeigefahren sind. Glücklicherweise habe ich das dann aber doch noch entdeckt und halte vor einer Wiese, auf der drei Autos stehen. Kein Schild, kein Einweiser, nichts. Wirklich gross ist das Areal zudem auch nicht. In der Hoffnung, ich bin nicht einfach einem Bauern auf dessen Gelände gefahren, parke ich mein nicht sehr geländetaugliches Fahrzeug. Nach und nach kommen weitere ratlose Festivalbesucher an. Die Fahrerin eines Wagens mit Berner Kennzeichen meint augenzwinkernd: «Das ist Freiburg, hier nimmt man alles ein wenig lockerer». Sie fragt kurz telefonisch nach, ob das tatsächlich der richtige Parkplatz ist und erfährt, dass der Shuttlebetrieb erst ca. 45 Minuten vor Geländeöffnung startet. Aber wo der Shuttle durchfahre, könne man uns leider nicht sagen.
Wenig später fährt ein Herr des Verkehrsdienstes vor. Der Shuttle werde unten an der Hauptstrasse halten, werden wir informiert. Wir sollen doch einfach im Auto bleiben bei dem Regen, er winke uns dann, wenn der Bus eintreffe. Dies ist um Viertel nach eins der Fall und wir stampfen über die Wiese runter zur Haltestelle. Er lässt uns alle erst mal ohne Bezahlung einsteigen, weil der Kassierer noch nicht vor Ort sei. Der Bus ist gut gefüllt und der nächste steht bereits hinter uns. Dann findet auch noch der Mann mit dem Portemonnaie den Weg zu uns, wir bezahlen die wohl eher symbolische Gebühr von CHF 5 für Hin- und Rückfahrt und los geht’s. Der Fahrer verlangsamt die Fahrt auf Höhe des Eingangs Nummer zwei und informiert uns, dass er etwas weiter unten in dieser Strasse halten müsse. Das sei auch bis um drei Uhr morgens der Abfahrtsort zurück zu den Parkplätzen.
Irgendwie habe ich den Abzweiger zum Eingang 1 verpasst, denn ich muss ja zuerst zum Infoschalter, um Fotopass und Zutrittsbändel abzuholen. Beim Eingang 2 führt aber eine (noch abgesperrte) Treppe runter zu einem Container und ich steige kurzerhand über das Band. Der Container ist der gesuchte Infostand und gelange mit dem Bändel direkt via Seiteneingang zum gegenüberliegenden Medienzelt. Dieses wird sich später noch zu einem wahren Segen entpuppen. Nebst genügend Tischen mit Festbänken und Stromanschlüssen steht ein Kühlschrank mit Softgetränken zur Verfügung. Da es leicht nieselt, packe ich meine Kameras in meine brandneuen Regenschütze, lasse aber vorerst noch meine Softshell-Jacke an.
Als wir zum Fotograben spazieren, sehe ich viele Leute in Turnschuhen, wetterfesten Outdoorschuhen und vereinzelt auch Gummistiefel. Die reichen von der unbrauchbaren Stiefeletten-Version mit seitlichem Stretchband über gemusterte Varianten bis zu Gartenstiefeln. Noch werden die Stiefelträger offen belächelt. Ich frage mich auch, ob ich damit wohl etwas überreagiert habe und nicht doch besser meine Sneakers anbehalten hätte. Um 14:30 Uhr betritt Anna Rossinelli die Bühne und lässt uns an ihrer Erleichterung teilhaben. Sie hatte die Befürchtung, dass wegen des Wetters viele erst für den Auftritt von Take That eintrudeln würden. «I ha dänggt, ich wirde vor 5 Regenponchos spiele», gesteht sie uns. Der Regen hat aufgehört, man sieht sogar etwas blauen Himmel während Annas Set.

Das Gelände ist aufgeteilt in Hauptbühne mit Wiese und gedeckten VIP-Bereichen, der seitlich anschliessenden Foodmeile auf geteertem Boden. Hinter der Hauptbühne ist das «Village au Lac» mit der Campfire Stage, weiteren Food- und Getränkeständen und einer gedeckten Bar mit EM-Übertragung. Auf der Campfire Stage treten heute Musiktalente der La Gustave Academy auf. Insgesamt sind es 8 junge Musiker, aber es passen nicht alle auf die kleine Bühne. Ich persönlich hätte jetzt den Drummer rechts unten hingesetzt und nicht die Keyboarderin – so ist dieser nämlich unmöglich zu sehen, weil die anderen alle wie eine Wand vor ihm stehen. So oder so – viel Raum für Bewegung bleibt ihnen nicht.
Als nächstes steht Ray Dalton auf dem Programm. Er wird uns angekündigt als einen Künstler, den man vermutlich nicht kennt, dafür seine Musik umso mehr. In der Vergangenheit ist der Singer/Songwriter hörte man seine Stimme oft als Gastmusiker anderer Künstler oder Kooperationen. Bei Songs wie Can’t Hold Us, Don’t Worry oder Manila und vielen anderen hatte man deshalb den «hah, den Song kenn ich»-Effekt. Obwohl er schon sehr lange im Musikbusiness ist, gibt er erst dieses Jahr sein erstes Album heraus.

Zwischendurch regnet es immer etwas und auf der Wiese bilden sich erste grössere Wasserlachen. Ich schlendere durch die Foodmeile und ende schlussendlich vor einem Dönerstand und bestelle mir einen Outlawz Kebab. Einige werden jetzt schon grinsen, weil sie wissen, dass der Kebab nicht einfach einen lustigen Namen hatte. Erst als ich mir das Angebot näher betrachte, realisiere ich, dass mir gerade eine vegane Variante in die Hand gedrückt wird. Wer mich kennt weiss, dass meine Magenmuskeln beim Wort «vegan» zu zucken beginnen und ich solche Produkte im Normalfall für etwas mehr Geschmack direkt mit Käse überbacken würde. Aber… ABER… dieser Döner war echt lecker, Freunde! Und unter uns: wer es nicht weiss, wird den Unterschied nicht merken.
Die Wolken über dem Murtensee werden zunehmend dunkler, weshalb ich mich ins Medienzelt zurückbegebe, um den pflanzlichen Döner zu geniessen. Weise Entscheidung, denn kurz darauf hat jemand den Stöpsel aus dem Himmel gezogen und das Wasser über unseren Köpfen ausgeschüttet. Zwischendurch hat jemand beim Medienzelt die Kanten angehoben, um das angesammelte Wasser loszuwerden. In einem Fall ging das wortwörtlich nach hinten los und der arme Tropf hat unfreiwillig eine Szene aus «Flashdance» neu interpretiert. Überall wird auf den Handies der Regenradar zu Rate gezogen – ist das Gewitter rechtzeitig zu Calum Scotts Auftritt vorbei? Die Meteoseiten sagen: nein. Also rein in die Regenschütze und raus in den Regen.

Die Stiefel sind inzwischen ein Segen, denn die Wasserlachen haben sich zu Mini-Murtenseen entwickelt, die Wiese verwandelt sich immer mehr in Schlammlöcher. Auf der Anzeigetafel an der Hauptbühne vorne steht dann lediglich, das Programm sei vorübergehend unterbrochen und man informiere in Kürze. Wir drehen um, gehen zurück zum Medienzelt und kaum setzen wir uns hin, hören wir Musik. Ohalätz… «in Kürze» hätte hier wohl nicht treffender sein können. Also ab in die Regenmäntel und im Stechschritt zurück zur Bühne. Während die Sneakerkollegen noch versuchen, halbwegs trockenen Fusses dorthin zu gelangen, stampfe ich einfach quer übers Gelände. Spätestens im Bühnengraben kommen sie dann wohl zum «point of no return» und geben auf: Der Boden ist so durchweicht, dass man direkt einsinkt.
Eigentlich wäre jetzt auf der Campfire Stage Elija Tamou, aber ich habe mich für einen trockenen Medienzelt-Platz entschieden. Als es Zeit wird für den Auftritt von Silbermond, greifen wir wieder nach unseren Regenschützen. Allerdings nicht alle, denn für diesen Auftritt wurden von der Band nicht alle Fotografen zugelassen. Es kommt nicht mehr ganz so viel Nass vom Himmel, aber manche haben sich in den vorderen Reihen als zusätzlichen Schutz eine Art Zelt aus den durchsichtigen Regenponchos gebastelt. Habe ich schon erwähnt, wie glücklich ich über die investierten CHF 9.95 für meine Regenstiefel bin? Silbermond geben Vollgas und Stefanie beweist, dass sie nicht aus Zucker ist. Sie kommt raus auf den exponierten Steg und ignoriert die Regentropfen.

Last not least treten Take That auf. Das Gelände scheint für Petrus nun endgültig genug Feuchtigkeit bekommen zu haben und just zu Beginn ihres Auftritts versiegen die himmlischen Hahnen. Dass die drei Herren live singen, hört man. Allerdings ist das nicht durchwegs positiv zu bewerten, Garys Stimme tönt zwischendurch angeschlagen und Howie… nun gut. Ihr Auftritt führt uns durch die Bandgeschichte, die uns erzählerisch übermittelt wird. Die Wiese ist inzwischen inexistent und wer zu lange stehenbleibt, läuft Gefahr, mehr als nur einen Schuhabdruck zu hinterlassen. Einige haben sich dafür entschieden, dass barfuss die bessere Variante ist und wiederum andere haben sich aus Regenponchos eine Art Schuhschutz gebastelt. Nein, meine Gummistiefel werden nicht mehr belächelt. Im Gegenteil – als ich durch einen der grösseren Seen schlendere, höre ich hie und da ein: «wär wohl wirklich die bessere Idee gewesen, Stiefel anzuziehen».

Im Shuttlebus zu den Parkplätzen ist einmal mehr der nichtvorhandene Sommer Thema. Ich entschuldige mich bei ihnen dafür, dass wir den Böögg nicht abgefackelt haben. Ihn in einem anderen Kanton anzuzünden, habe irgendwie auch nicht das gewünschte Ergebnis hervorgebracht. Nebst Lachern folgt als Antwort: «Es ist nicht immer gut, alles outzusourcen». Die Rückfahrt dauert gefühlt doppelt so lang und ich werde immer unsicherer, ob das tatsächlich der richtige Bus ist oder ob ich in einem Nachtbus nach Lausanne sitze – er war nämlich nicht als «Pendelbus» angeschrieben. Nach einer gefühlten Ewigkeit hielt er dann beim Coop, wo die Besucher ab 16 Uhr parkieren durften. Da es dunkel ist, müssen gefühlt alle den Kopf aus dem Bus halten, um festzustellen, dass wir wohl nicht beim Wiesenparkplatz angelangt sind. Eine Minute später hält er wieder und jemand im Bus sagt laut: «Willkommen in La-Chaux-de-Fonds, alles aussteigen bitte». Das erntet nochmal ein paar Lacher.
Draussen werden wir aufgefordert, kurz zu warten. Erstaunt meint er: «Das hat ja super geklappt, vielen Dank». Er erklärt uns je nach Standort auf der Wiese, wie wir diese verlassen sollen. Weiter oben sei es eine regelrechte Schlammschlacht, man solle einfach rausfahren, ohne zu lenken oder gross Gas zu geben. Das dürfte spannend werden, denn «da oben» steht mein Wägelchen. Meine Stiefel landen im Kofferraum und mit Sneakers an den Füssen starte wir das Projekt «runter von der Wiese». Zum Glück war selbige nach wie vor Wiese und tatsächlich nur bei der Ausfahrt schlammig – der Verkehrsdienstler hinter mir ist mir sicher dankbar, dass ich nicht zu viel Gas gegeben habe. Danach geht’s nur noch auf geteertem Untergrund weiter und 100 Minuten später fahre ich zu Hause in die Garage.
Ob es sich gelohnt hat, so weit zu fahren? Definitiv. Das Sounds of Stars ist ein Festival mit einer wunderbaren Atmosphäre. Klein, aber fein. «Ein Geheimtipp», wie jemand im Medienzelt meinte. Geheim oder nicht, ein Tipp für nächstes Jahr ist es auf alle Fälle.
Eventdatum: 6. Juli 2024
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Murten
Veranstalter: Stars of Sounds
Zuschauerzahl: unbekannt
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