Wenn Geschichtsunterricht rockt
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Die Geschichte der klassischen Rockmusik von 1960 bis 1990 wird mit «This is Rock» seit 2018 zum 5. Mal erzählt – dieses Jahr mit neuer Inszenierung. Die einzige Show von 2023 war am Samstag im Hallenstadion Zürich zu sehen.
Bei «This is Rock» werden uns die Entstehung und Sternstunden der Rockmusik nähergebracht. Aber nicht mit einer Powerpoint-Präsentation und einem Vortrag. Nein, das ist eine Geschichtsstunde, die sprichwörtlich rockt. Seit 2018 ist diese Show mit Grössen der Schweizer Rockszene inszeniert. Roli Eggli ist Produzent und treibende Kraft von «This is Rock». In den 70ern war er zusammen mit Marc Storage in der Zürcher Band TEA, die – wie viele andere Schweizer Bands – erst im Ausland erfolgreich sein mussten, um in der Heimat Beachtung zu erlangen. Eggli wechselte vom Mikro zu den Drums und spielt in verschiedenen Bands. Michael Morris führt uns durch den Abend und erzählt zwischen den Auftritten Geschichten und gibt Fakten zum Besten. Während den Performances werden auf den Screens Anekdoten und Infos zu den Künstlern gegeben, die den Song ursprünglich spielten. Die Live-Performances sind mit:
Marc Storace (TEA / Krokus / STORACE), Fernando Von Arb (Krokus / Bad Ass Romance), Nic Maeder (Gotthard), Claudio Matteo (China), Freddy Scherer (Gotthard / China), Tommy Henriksen (Alice Cooper / Hollywood Vampires), Roli Eggli (TEA / Callaway), Gianni Pontillo (Victory / Pontillo & The Vintage Crew), Armand Volker (TEA / Tusk), Giovanni Giorgi (China / Liz Libido / The 2nd Trail), H.P. Häfeli (The Spectres / Callaway), Andy Lickford (Nighthunter / Killer), Emi Meyer (STORACE / Amacher), Seraina Telli (Seraina Telli / Ex-Burning Witches), Jean-Marc Viller (Evolve / JMV&Friends / Big Red One), Bruno Bosnic (Callaway), Giuli Giuliani (Callaway), Cathrine Marlen (Swiss Blues Authority).
Es strömen viele Leute in Richtung Hallenstadion. Auf Höhe Theater 11 realisiere ich aber, dass viele dort stehenbleiben für «The Lion King». Am Eingang des Hallenstadions keine Wartezeiten, nur eine Gepäckabgabestelle ist geöffnet. Spätestens dann wird mir klar, dass wohl heute Abend nicht das Arena-Layout zum Einsatz kommt. Wie gewohnt werden wir an der Portier-Loge abgeholt und zur Bühne gebracht. Die Regeln sind heute etwas anders als sonst: einerseits dürfen wir unser Gepäck im hinteren Teil der Halle deponieren (Backstage!) und nach zwei Songs vor der Bühne weiterfotografieren. Wir dürfen danach einfach niemandem im Weg stehen, damit die Besucher von den 1400 Parkett-Sitzplätzen und den unteren Rängen der 4050 Tribünen-Plätze freie Sicht auf die Künstler haben.

Auf einen Bühnengraben wurde verzichtet – ein schlichtes Absperrband ist aufgestellt, das ungefähr eine Michelle breit ist. Wir haben unsere Kameras mangels möglichen Abstands fast auf der Bühne – oder in meinem Fall direkt vor den Monitoren, die am Boden stehen. Ich positioniere mich dazwischen, um mehr Musiker als Monitor auf dem Bild zu haben. Nach dem zweiten Song verlassen wir brav den Bereich vor der Bühne, dürfen dann aber nochmal eine Nummer fotografieren, weil er erste Song mehr ein Intro war als ein Song. Zum Glück habe ich das kleinere Objektiv mitgebracht, sonst wäre ich verloren. Vor allem dann, wenn Tommy Henriksen sich am Bühnenrand runterkniet und mir direkt in die Linse singt. Blöd nur, dass er dort nicht im Scheinwerferlicht ist und sein Hut den Rest des vorhandenen Lichts abblockt.
Ich überlege mir, wo ich mich hinstellen soll, um niemandem im Weg zu sein. Das ist bei Konzertbestuhlung und seitlichen Tribünen immer als Herausforderung. Und 2 Stunden auf dem Boden knien ist auch nicht so meins. Zu meinem Glück sehe ich in einer Reihe im zweiten Block ein paar leere Sitze. Durch die Abstufung in Kombination mit kleineren Menschen habe ich so freie Sicht auf die Bühne, bin niemandem im Weg und kann mich hinsetzen. Problem gelöst.
Ich persönlich hätte mir zwischendurch etwas mehr Licht auf der Bühne gewünscht. No biggie. Was mich viel mehr stört sind die Dauerquatscher. Zwei dieser Exemplare sassen in der ersten Hälfte vor mir. Älteres Paar, das Nazareth-Shirt des ersten Gigs in der Schweiz vermutlich schon 1437 Mal gewaschen. Bla, bla, bla. Nörgeln hier, nörgeln da. Ihr kennts. Dass man dann aber nach einer Performance beide Arme in die Luft hält, um mit den Daumen nach UNTEN zu zeigen… armselig. Ich hätte sie am liebsten gefragt, wie sie das beurteilen können, wenn sie die ganze Zeit labern. Ja, es sind nicht die Originalstimmen. Nein, nicht jeder Performer hat optimal zum Song gepasst. Zumindest nicht, wenn er so nah wie möglich am Original hätte sein sollen. Muss es das? Darf man ein Stück nicht interpretieren und adaptieren? Ich persönlich find das besser – es auf die genau gleiche Weise zu singen, wenn man eine komplett andere Stimmfarbe resp. in einem anderen Range singt, wäre die falsche Herangehensweise.
In der Hälfte der Vorstellung wurde eine 30-minütige Pause eingelegt. Gute 10 Minuten zu spät für meinen Sitznachbarn, der dann gerade wieder zurück auf seinem Platz war. Nach der Unterbrechung geht die Zeitreise weiter. Für ein paar wenige Songs gab es Standing Ovations, als effektiv der ganze Saal stand, tanzte und mitsang. Zwei davon von Krokus, wo Marc Storace und Fernando Von Arb im Lichtkegel rockten. Ah, ich sehe schon – noch ein Grund mehr für das Laberpaar, sich aufzuregen. Weil man nichts sieht, wenn man sich hinsetzt und den Vordermann ergebnislos antippt. Die Freude der Musiker hat man auf der Bühne während des ganzen Abends gesehen und gespürt. Mir hat es auch Spass gemacht, sie so zu sehen. Viele tolle Stücke, die mit hohem Unterhaltungswert performt wurden und beim Publikum gut ankamen.
Die Geschichtsstunde hat für mich definitiv gerockt. Ich habe jetzt jedenfalls viele kleine Anekdoten und «hey, das wusste ich nicht – WIRKLICH?»-Wissen im Gepäck, das ich vielleicht mal in einem Bericht einbauen kann, wenn ich über die Musiker schreibe, die beim entsprechenden Stück performt haben (auch wenn die Stories nicht über sie waren).
Eventdatum: 09.12.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: Goodnews
Zuschauerzahl: ca. 4500
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1185-wenn-geschichtsunterricht-rockt#sigProId06e036a9b5
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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