Standing Ovations für Andrea Bocelli
Sein Vermächtnis an die nächste Generation ist mit seinem Sohn Matteo und seiner Tochter Virginia gesichert. The Greatest Gift vom Album «A Family Christmas» von 2022 ist ein wunderbarer Titel. Es ist aber noch lange nicht Zeit, um Abschied zu nehmen. Auf seiner aktuellen Tour ist er ohne Kinder auf der Bühne und die Tourdaten auf der Webseite enthalten Destinationen bis Januar 2025.
Der italienische Tenor ist schon früh mit Musik in Berührung gekommen. Erster Klavierunterricht mit 6 Jahren, weitere Instrumente folgten. Mit zwölf gewann Andrea Bocelli die Margherita d’Oro mit dem Lied O Sole Mio. Bocelli wurde mit grauem Star geboren, der sich in seiner Jugendzeit trotz unzähliger Eingriffe verschlimmerte. Nachdem er einen Fussball an den Kopf bekam, erblindete er 1970 vollends. Zunächst ging seine Laufbahn in eine komplett andere Richtung, den Bocelli schloss sein Jura-Studium ab und arbeitete als Rechtsanwalt. In seiner Freizeit nahm er Gesangsunterricht bei drei verschiedenen Lehrern. Anfänglich begann er seine Karriere - wie heute sein Sohn Matteo - mit poppigen Stücken und Titeln von Frank Sinatra, wechselte dann aber immer mehr zu Klassik. International wurde er bekannt, nachdem Zucchero ihn 1992 für eine Zusammenarbeit für Miserere angefragt hatte. Mit Zucchero ging er später auf eine grosse Tournee. Nebst erfolgreichen Teilnahmen am Sanremo-Festival gab er 1995 sein Debütalbum «Bocelli» heraus. Doch im deutschsprachigen Raum tauchte er erst 1996 in den Charts auf, nachdem Con te partirò mit Sarah Brightman auf Englisch als Time to Say Goodbye aufgenommen wurde. Diesen Titel nutzte Henry Maske, als er sich aus dem Profisport zurückzog.
Anekdote aus meinem Leben: ich habe damals noch im Bündnerland gearbeitet. Für den Teamausflug habe ich den kleinen Bus unseres Badmintonclubs organisiert. Ich habe mich hinters Steuer gesetzt, das Radio eingeschaltet und Time to Say Goodbye schallt aus den Lautsprechern. Während ich rückwärts aus dem Parkplatz setze, meint mein Arbeitskollege trocken: «Adieu, schön gsi mit eu». 1998 trat Andrea Bocelli erstmals in einer Oper ins Rampenlicht, hatte aber weiterhin Auftritte vor Staatsoberhäuptern, in Konzertarenen und an Festivals. In seiner bisherigen Karriere wurde er mit so vielen Auszeichnungen geehrt, dass auf Wikipedia lediglich eine zweispaltige Auswahl aufgeführt wird. Sein aktuelles Album von 2020 «Believe» war in der Schweiz sein bisher schlechtplatziertestes Album. Doch das tut seiner Popularität keinen Abbruch, denn das Hallenstadion ist restlos ausverkauft. Genaugenommen ist es sogar mehr als ausverkauft.
Während ich am Ticketschalter ein klitzekleines Problem mit meiner Akkreditierung lösen muss, kommen diverse Leute mit Tickets an die Abendkasse, die am Eingang ungültig waren. Sie sind leider alle auf die Plattform Viagogo reingefallen. Die betrügerische Seite ist zugegebenermassen sehr gut gemacht. Dass diese nach allen Jahren noch immer online ist, zeigt einmal mehr, wie mächtig Geld sein kann. Sonst würde Google schon längstens kein Geld mehr für Werbeplatzierungen annehmen und die Plattform würde nicht so prominent oben in den ersten Ergebnissen aufpoppen. Den Abend eröffnet haben das Philharmonie Pilsen-Orchester und der zweireihige Stuttgarter Chor unter der Leitung von Marcello Rota mit Sinfonia, ein Stück aus «Norma». Das Bühnenbild ist gewaltig, die Projektionen erstrecken sich über 7 Bildschirme, wobei die beiden äusseren Leinwände jeweils die Hauptperson in Grossaufnahme zeigen. Nun wird Andrea Bocelli unter viel Applaus auf die Bühne geleitet und singt La Donna è mobile aus Verdis «Rigoletto». Er trägt einen schwarzen Anzug mit weissem Hemd und Fliege, die Jacke mit unaufdringlichem, mattschwarzem Muster. Man sieht ihm die Freude an und wenn das Publikum klatscht und johlt, lächelt er zufrieden.

Während der Show werden in der Mitte visuelle Elemente gezeigt: Von Videos mit Landschaftsaufnahmen zu geschichtsträchtigen Szenen in Schwarzweiss über Bilder von Häusern und Plätzen und privaten Fotos. Auf den seitlichen Panels wird Andrea Bocelli eingeblendet, damit man ihn im ganzen Hallenstadion sieht. Nach jeweils 1-2 Songs gibt er die Bühne frei und tauscht den Platz am Mikrophon. Als erstes ist dies die Sopranistin Cristina Pasaroiu, die in einem roten Ballkleid regelrecht auf die Bühne rauscht. Auch die Violinistin Caroline Campbell hat einen Soloauftritt. Nach Brindisi aus Verdis «La Traviata» wird eine 20-minütige Pause angekündigt. Die meisten scheint das zu erstaunen, denn es geht ein Raunen durch das ausverkaufte Hallenstadion. Ich denke zurück an all die enttäuschten Leute, die mit ihren Viagogo-Tickets nicht reingelassen wurden. Jemand hatte die Tickets sogar als Geburtstagsgeschenk bekommen, was mir besonders leidtat. Die Leute begeben sich zurück auf ihre Plätze, das Licht wird gedimmt. Der Stuttgarter Chor steht auf und untermalt die tänzerische Einlage von Francesco Costa. Danach erscheint Andrea Bocelli mit dunkelblauer Glitzer-Anzugsjacke. Die Musik bewegt sich weg von klassischen Stücken und geht mehr und mehr in Richtung lateinamerikanische Lieder. Auch die Violinistin hat ihr rotes Ballkleid gegen ein körperbetontes, lindgrünes Cocktailkleid getauscht. Untermalt wird dieser Titel von Francesco Costa, die dazu modernes Ballet tanzt.
Zu Granada tanzen Angelica und Francesco lateinamerikanisch, Caroline Campbell spielt und Andrea Bocelli singt aus voller Kehle. Danach verlassen sie die Bühne und auf der Leinwand wird Red als Popgast angekündigt. Sie trägt ein wunderbares blaues Ballkleid, das einen schönen Kontrast zu ihren Haaren bildet. Sie singt ein Cover von SIAs Chandelier. Pop trifft es hier nicht ganz, da ist viel klassischer Einfluss in ihrer Version herauszuhören ist. Nach einem Song geht sie von der Bühne ab, kehrt dann aber nochmal zurück für zwei Duette mit Andrea Bocelli. Auch sie hat sich in der Zwischenzeit umgezogen und trägt jetzt einen grünen Glitzer-Cocktaildress.
Sie verneigen sich auf der Bühne und zu meinem Erstaunen verlassen tatsächlich die ersten den Saal noch vor der ersten Zugabe. Als erstes singt er O Sole Mio, mit dem er wie oben erwähnt 1970 einen Wettbewerb gewann. Er deutet an, die Bühne zu verlassen. Da ich die Setlist gesehen habe, weiss ich: da kommt noch mehr. Das Publikum indes fordert mit Rufen und Klatschen eine weitere Zugabe ein. Bocelli kommt zurück und stimmt als Song Con te partirò an. Der Saal verfällt bei den ersten Klängen unisono in ein lautes «aaaaaaw» und setzt sich wieder, um die Musik zu geniessen. Bocelli geht erneut zum Bühnenrand und der Saal tobt noch lauter als zuvor. Eigentlich hatte ich geplant, während Nessun Dorma in Richtung Ausgang zu gehen, doch als er ans Mikrofon zurückkehrt, ändere ich meine Meinung. Er spricht das erste Mal zum Publikum und sagt: «Thank you, Dankeschön. Bevor ich die letzte Nummer singe, möchte ich etwas sagen. Heute Abend ist eine Legende unter uns. Roger Federer ist hier.» Er widmet ihm den letzten Titel für all die Emotionen, die er uns allen geschenkt habe und er möchte ihn gerne neben sich auf der Bühne haben.
Federer steht bereits links am Treppenaufgang und kommt mit einem breiten Lächeln auf die Bühne. Als Bocelli Nessun Dorma anstimmt, schläft definitiv niemand im Saal. Beim zweitletzten ausgedehnten «Vincerò» stehen die Leute auf, Federer applaudiert und Andrea Bocelli strahlt übers ganze Gesicht. Beim allerletzten «Vincerò» wird Roger Federer von seinen Emotionen übermannt – im kullert eine Träne aus dem Auge, die er mit dem Handrücken wegwischt! Was für ein Finale. Noch einmal kommen alle Künstler auf die Bühne und werden unter tosendem Applaus und einer Standing Ovation verabschiedet.
Eventdatum: 20.11.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: Leutgeb Group
Zuschauerzahl: ausverkauft
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1161-standing-ovations-fuer-andrea-bocelli#sigProIddd44983b3a
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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