Die aus Leipzig stammende Band «Die Prinzen» weckt Jugenderinnerungen. Zumindest bei mir, denn 1991 habe ich gerade meinen KV-Abschluss (heute nennt sich das Kauffrau EFZ) gemacht und bin von Zürich ins Bündnerland gezogen. Eigentlich gibt’s die Formation schon etwas länger, zu DDR-Zeiten hiessen sie noch «Die Herzbuben». Eines ihrer Wiedererkennungsmerkmale ist der a-capella-Gesang. Die damals 5-köpfige Formation führte ihre Reise 1991 von Leipzig nach Hamburg. Die deutsche Sängerin und Produzentin Annette Humpe wurde auf sie aufmerksam und empfahl ihnen, etwas Rhythmus in ihre Musik zu bringen. Deshalb stiess Ali Zieme am Schlagzeug dazu. Viel hat sich seither nicht verändert, letzter Zuwachs war 1994, als Mathias Dietrich mitsamt seinem E-Bass dazustiess. Zu der Zeit waren sie in Deutschland hoch im Kurs und räumten diverse Preise ab. Auch wenn die Prinzen zwischen 1991 und 2021 insgesamt 12 Studio-Alben und 3 Live-Alben produzierten, schafften es nur ein paar in die Hitparaden ausserhalb Deutschlands. Frühe Titel wie Millionär, Alles nur geklaut, Schwein sein hatten es auch in die Schweizer Charts geschafft. Sie zählen mit knapp 6 Millionen verkauften Tonträgern definitiv zu den erfolgreichsten Bands Deutschlands.
Die Texte gehen ins Ohr und bleiben den ganzen Tag singend im Kopf. In den 90ern waren Musikvideos auch noch eine ganz grosse Nummer und Alles nur geklaut war gespickt mit Referenzen zu anderen Musikern. Auf ihrer Tour «30 Jahre – 30 Hits – 30 Städte» bekommen wir sehr viele Flashbacks angeboten. Und dies nicht nur musikalisch, denn im Hintergrund werden Fotos und Videos eingeblendet. Das Volkshaus in Zürich ist ausverkauft und die Zuschauer sind definitiv nicht hier, weil sie gerade nichts Besseres vorhatten. Sie sind wegen der Prinzen da und kennen jede einzelne Zeile der 30 Hits, die sie in ihrem etwas mehr als 2-stündigen Konzert spielen.
Bevor es losgeht, hört man im Saal Froschquaken. Ich stutze einen Moment, bevor ich mir selber einen Facepalm gebe: was sonst hätte besser gepasst als Quaken? Ihr erstes Album «Das Leben ist grausam» zieren fünf Froschprinzen und das «i» im Bandnamen ziert ein Krönchen. Uns Fotografen wird mitgeteilt, dass wir nur von ganz hinten beim Mischpult fotografieren dürfen. Dieses ist immerhin etwas erhöht, aber die verfügbaren Plätze sind dummerweise auch hinter den Säulen. Die Begründung? Sie möchten gerne alle 7 Musiker auf dem Bild haben und von vorne sei das schier unmöglich. Im Grunde meinten sie es gut und war definitiv keine Absicht, uns das Leben schwerer zu machen.
In grossen Stadien in denen sie sonst spielen sind die Bühnen höher und dann mag das durchaus ein Problem sein, mit einem Weitwinkel alle auf ein Foto zu bekommen. Aber doch nicht im Volkshaus? Netterweise haben zwei Zuschauer ihre Plätze getauscht, damit wir während der 3 Songs wenigstens keine Säule im Bild hatten. Ausserdem: wenn ihr alle Musiker im Bild haben möchte, richtet doch nächstes Mal auch einen Scheinwerfer auf die Bandmitglieder in der hinteren Reihe – so sieht man maximal 5 der 7 Prinzen auf den Bildern, was das Argument für die Fotografenplatzierung leider etwas obsolet macht. Da wir für 3 Songs am gleichen Ort stehenbleiben mussten, sind alle aus dem gleichen Blickwinkel und sehen fast gleich aus. Ich habe drum dieses Mal auch nur wenige Fotos zum Bericht.

«Es ist schön, mal alle Gesichter zu sehen» - Tobias Künzel
Ja, die Vorstellung in Zürich zählt zu den intimeren Locations auf ihrer Tour. Es sei eine schöne Abwechslung zu den grösseren Stadien, weil man hier jedes einzelne Gesicht sehe. Das gehe in grossen Stadien manchmal verloren, meint Tobias Künzel. Wohlwissend, dass der nächste Song alle kennen, meint Sebastian Krumbiegel, es sei immer etwas blöd, wenn die Zuschauer einen Titel besser singen als die Band auf der Bühne. Millionär beginnt und das ganze Volkshaus stimmt mit ein. Die Prinzen verlassen ein paar wenige Male die Bühne und erscheinen jeweils in neuen Outfits. Für Überall schlüpfen sie in Anzüge, die Discokugeln glitzern und bauen im Text das Volkshaus ein. Im Anschluss an diesen Song bleibt Sebastian allein auf der Bühne und setzt sich ans Klavier. Das sei das 18. Konzert der Tour, alle vorherigen Auftritte seien Generalproben gewesen, damit es in Zürich so richtig abgehe. Sie sind mit zwei Trucks unterwegs, einer davon sei halbvoll mit Instrumenten, die andere Hälfte seien medizinische Geräte. Gelächter im Saal. «Das sind aber legale Drogen. Geldwäche. Blutwäsche. Und Sauerstoffzelte», fügt er an. Das Lachen ist noch lauter als zuvor. Es seien halt nicht mehr alle so fit wie er, um ein fünfeinhalbstündiges Konzert durchzuhalten. Deshalb müsse er die Zeit etwas überbrücken. Sebastian kündigt den Titel Immer auf mich zählen an, ein Song, den man eigentlich immer spielen könne. Für seine Frau. Oder seine Freundin. Oder seine andere Freundin.
Der Unterhaltungswert ist definitiv sehr hoch am Prinzen-Konzert. Das Durchschnittsalter im Saal hat vermutlich auch schon in den 90ern ihre Songs rauf und runter gehört. Ich sehe auch viele Kinder im Publikum und Eltern, die aus voller Kehle mitsingen. Zeile für Zeile. Und dabei strahlen sie ihren Nachwuchs an, dass einem das Herz aufgeht. Das waren gute Zeiten und schöne Erinnerungen, die mit diesen Liedern verknüpft zu sein scheinen. Dass heute der Moment genossen wird, ist eindeutig – nur ab und zu sieht man einen Handysdisplay in der Luft. Mehrheitlich auch eher, um ein Foto zu machen oder eine kurze Sequenz zu filmen. Bei Dürfen darf man alles wird im Hintergrund das Musikvideo abgespielt und trifft den heutigen Zeitgeist. Der Titel ist einer der zwölf Songs des neuen Albums «Krone der Schöpfung» von 2021.
Dass die Prinzen schon seit einer gefühlten Ewigkeit Musik machen, ist eins. Sie produzieren aber auch Song um Song. Inzwischen sind das 140 Titel, so Sebastian. Die Auswahl der 30 Tracks für die Tour sei nicht leichtgefallen. Die nächste Tour sei dann 140 Jahre – 140 Songs der Einfachheit halber. Auch wenn sie ihrem a-capella-Stil im Ansatz treu geblieben sind, ist der Unterschied zu alten Songs deutlich hörbar. Guschi neben mir meint, die neuen Songs seien halt nicht die Prinzen, schon fast Fanta-Style – es ist ziemlich ironisch, dass er das bei Locker bleiben äussert (der ist von 2004) und die Passage «Jetz ist sie weg» ertönt. Bei den Prinzen übernimmt immer mal wieder ein anderer den Leadgesang. Trotzdem stehen Tobias und Sebastian am meisten im Fokus. Bei der Bandvorstellung werden nicht nur die Namen und Instrumente genannt, sondern auch offizielle und inoffizielle Funktionen innerhalb der Band. Und das verpackt in viel Schalk. Das wird vom Publikum natürlich mit Applaus und Gelächter quittiert. Auch die Geschichte, wie sich Tobias und Sebastian kennengelernt haben, ist eher eine kurze Comedyeinlage. Wen es interessiert, kann sie ja googeln - ich sag nur: Geburtstagsparty des Bruders.
Bei Unsicherheit macht sich breit tragen sie bodenlange goldene Mäntel, die durch gelbes und rotes Bühnenlicht noch intensiver leuchten. Ich habe keine Ahnung, weshalb ich bei diesem Anblick automatisch an die Pet Shop Boys denke. Vielleicht, weil sie alle – inklusivem dem Drummer – während des Songs sehr statisch auf der Bühne stehen? Keine Ahnung. Und das Publikum? Das wird von Sebastian immer mal wieder zu Armschwenk-Übungen eingeladen. Mehr ist bei bestuhltem Konzertsaal halt fast nicht möglich. Aber anders als sonst herrscht heute Abend totale Partystimmung, auch wenn die Leute meistens gesessen sind. Im letzten Drittel stehen dann aber mehrheitlich alle, die kleinen Gäste auf den Stühlen, damit sie noch etwas sehen. Vor Alles nur geklaut bedanken sie sich kurz beim Publikum und verlassen danach die Bühne. Die Zuschauer bleiben, kein Massen-Exodus wie sonst, wenn die Zugaben angekündigt werden. Im Gegenteil: Der Saal fordert Zugaben, auf den Tribünen wird gestampft, was das Zeug hält. Natürlich kommen sie nochmal zurück! Nach der zweiten Zugabe bedankt sich Sebastian sehr ausführlich und man spürt, es kommt wirklich von Herzen. Keine Floskeln, da spricht tatsächlich tiefe Dankbarkeit aus seinem Herzen. Als letzten Song spielen sie Ich schenk dir die Welt und ich schlendere in Richtung Ausgang. Die Melodien spielen in meinem Kopf, bis ich am Paradeplatz in mein Auto steige.
Der Wagen will nicht anspringen, die Batterie scheint leer. Echt jetzt? Glücklicherweise ist vis-à-vis eine Bar und eine Gruppe junger Menschen kommt zu meinem Auto. «Brauchst du Hilfe? Springt er nicht an?», fragen sie. Erst wollten sie mich anschieben, doch glücklicherweise fuhr grad jemand in die Parklücke hinter mir mit einem Überbrückungskabel (meins ist zu Hause, weil mein ganzer Kofferraum voller Sommerpneus ist…). Sie haben flugs überbrückt und ich konnte mich auf den Heimweg machen – mit Umwegen, denn man soll ja eine Weile fahren, damit sich die Batterie wieder laden kann. Aber ich habe ja genügend Prinzen-Lieder, die ich im Auto so laut ich will singen kann. Genau solche Abende sind es, die mir Energie geben und mich mit grosser Dankbarkeit erfüllen. Auch wenn das Leben manchmal grau und dunkel erscheint, sind da immer wieder solche Momente, die alles überstrahlen und dir klarmachen: du bist nicht allein, da sind viele Menschen in deinem Leben. Bitte um Hilfe, wenn du sie brauchst und wenn dir ohne danach zu fragen Hilfe angeboten wird, nimm sie lächelnd an.
Eventdatum: 10.11.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Volkshaus, Zürich
Veranstalter: Good News
Zuschauerzahl: ausverkauft
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