Impressionen von über 45'000 Schritten am 17. Greenfield-Festival
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Oder anders ausgedrückt: Um vom 7. – 9. Juni 2023 39 der 40 Bands zu fotografieren, habe ich mich ein wenig bewegt. Ich fasse meine Eindrücke und ein paar Zahlen der drei Tage in separten Berichten zusammen und lasse ansonsten meine Bilder sprechen.
Obschon dieses Jahr zum 17. Mal Musik über den ehemaligen Flugplatz in Interlaken schallt, bin ich zum ersten Mal hautnah dabei. Auf dem Gelände könnte man zwar übernachten, aber ich habe weder einen Wohnwagen und zum Zelten bin ich schon mein Leben lang «zu alt». Oder zu etepetete wenn wir ehrlich sind. Glamping wäre eventuell eine Option, aber ich habe mich dann doch dazu entschieden, ausserhalb in einem AirBnB zu übernachten. Nur der halbe Spass? Vielleicht. Aber mir waren volle Akkus und eine anständige Dusche wichtiger.
Bei der Anfahrt war ich etwas erstaunt, weil auf der Autobahn keine Hinweisschilder «Greenfield Festival» montiert waren. Macht man das nur in Zürich so? Dass nicht alle mit dem Zug anreisen, stelle ich spätestens fest, als ich auf das Gelände fahre und schlussendlich von Interlaken-Ost zum VIP/Member-Parking in Wilderwil zurückgelotst werde. Immerhin: am nächsten Tag bin ich ausgerüstet mit Plämpel und Bändel, somit direkte Zufahrt von Wilderswil her. Aber wenn ich am 18. Greenfield mit dabei sein darf, dann komme ich mit einem Subaru oder SUV, damit ich mit dem Unterboden meines Autos nicht mehr die Wiese plattwalze. Zum guten Glück hat es nur am 2. Tag heftiger geregnet und ich hatte keine Probleme, abends wegzufahren. Jammern auf hohem Niveau, denn nur noch näher dran waren wohl die VIP-Camper, die schon am Mittwoch angereist sind. Und ein wenig Bewegung schadet niemanden.
Obwohl ich ja schon ein paar Tage fotografiere, bin ich hier der Rookie. Keine Ahnung vom Gelände, den Schleichwegen und ähnlichem. Drum stehe ich auch wie selbstverständlich beim Haupteingang an, wundere mich aber einen Moment, wieso es wohl keinen VIP-Eingang gibt. Aber kurz vor 13 Uhr hält sich der Andrang noch in Grenzen. Erstaunt stelle ich da schon fest, wie sich das Publikum in eine Schlange stellt und sich dann fächermässig auf die 5 offenen Zugänge verteilt. Kein Gedränge, kein Geschubse, kein in den Nacken hauchen. Einfach entspannt anstehen.

Im Mediencontainer herrscht gute Stimmung. Wie so oft bei Festivals trifft man da jedes Jahr dieselben Leute. Manche sieht man nur dort und an keinem anderen Konzert. So ist das vereinzelt auch beim Greenfield-Festival und ich bin quasi das neuste Familienmitglied. Ein paar bekannte Gesichter sind da, aber die meisten habe ich noch nie gesehen. Vor den einzelnen Konzerten arbeiten wir am Eingang zum Fotograben nach und nach 17 Jahre Historie auf und ich bekomm die ein oder andere Anekdote zu hören.
Auch hier fällt auf: ausser im Bühnenbereich steht man nicht dicht gedrängt. Es macht schon fast den Eindruck, als würde man bewusst nur in jeder 2. Reihe stehenbleiben und eine Lücke als Durchgang lassen. Praktisch für uns Fotografen, wenn wir nach 3 Songs aus dem Graben gehen und die Kameras im Mediencontainer deponieren wollen. Oder direkt von der Nebenbühne am einen Ende des Geländes zur Hauptbühne auf der anderen Seite wechseln müssen. Durchkommen ist trotz der Menschenmenge kein Problem, es wird immer Platz gemacht und Rücksicht aufeinander genommen. Bis auf ein paar einzelne dumme Bemerkungen versteht sich – aber die konnte ich in den 3 Tagen an einer Hand abzählen und hat man an jedem Konzert. Meistens prallen die inzwischen an mir ab wie Food in einer Teflonpfanne. Nur manchmal kann ich mir eine Reaktion dann eben doch nicht verkneifen.
Ja, je nach Bühnenhöhe stehen wir die ersten 3 Songs im Blickfeld. Ja, das ist die Row Zero, sehr lustig. Die gabs schon immer, nicht erst jetzt, aber wir Fotografen kennen den Bereich zwischen Bühne und erster Reihe als «Pit». Und wie an jedem Konzert findet es jemand in der ersten Reihe unglaublich originell, passivaggressiv zu fragen: «Stehen die jetzt das ganze Konzert direkt vor meiner Fresse?». Wie gesagt, meistens funktioniere ich da nach dem Prinzip «Göschenen-Airolo», aber wenn der Spruch bei der allerletzten Band auf der Nebenbühne kommt, gibt’s eine Antwort. Ganz nach dem Motto: erschlage sie mit Freundlichkeit. Ich habe mich zu der Person umgedreht, freundlich angelächelt und gesagt: «Hey, so cool. Dein allererstes Konzert! Aber eigentlich schade mit einem Tagespass, dass du dann erst zum zweitletzten Act aufgetaucht bist und drum noch nicht weisst, dass wir nach 3 Songs wieder weg sind.» Meistens schaue ich dann in ein paar grosse Augen und rundherum wird gegrinst, bevor ich mich wieder umdrehe und mit meinen Kollegen schwatze.
Tag 1: Das Gelände ist gut besucht
Für einen Donnerstagnachmittag sind um diese Zeit schon auffällig viele Leute auf dem Konzertgelände. Traditionell wird das Greenfield-Festival mit den Alphornbläsern eröffnet. Und die werden euphorisch begrüsst, statt einem Mosh Pit wird dann aber gerudert. Danach sind Less Than Jake an der Reihe und ihr Leadsänger erwähnt das Catering im Backstage. Sei lecker, aber für Amerikaner viel zu kleine Portionen. Vielleicht habe auch wer gedacht, sie seien zu dick, fügt er grinsend an. Verhungern oder gar verdursten muss hier aber keiner. Zahlreiche Food- und Getränkestände, Stationen mit Trinkwasser reihen sich zwischen den beiden Stages aneinander. Es gäbe noch viel mehr zu entdecken. Beispielsweise der Rock Block, das Pirates oder The Village auf dem Konzertgelände. Wie wärs mit einem Abstecher auf den Mittelaltermarkt oder die Metal Church, wo dieses Jahr eine Hochzeit stattfand?
Dieses Jahr ist anstelle eines Aldi der Lidl vor Ort. Allerdings hatten die wohl ein paar Startschwierigkeiten und nicht mit so vielen Leuten gerechnet. Es ist anscheinend zu längeren Wartezeiten gekommen, weshalb einige mit Plakaten zum Boykott von Lidl aufgerufen haben. Aber die Veranstalter nehmen solche Reklamationen auf und reagieren, selbst wenn sie nur via Social Media aufpoppen. Am Freitag soll es schon viel entspannter gewesen sein, seine Einkäufe zu tätigen.
Das Wetter hat es auch gut gemeint mit uns, nach anfänglicher Sonne schoben sich ein paar Quellwolken als Schattenspender davor. Das ist vor allem bei der Eiger Stage sehr willkommen, da der Schattenwurf in die andere Richtung als die Bühne fällt. Zu üblichen Essenszeiten war der Andrang nicht nur an den Ständen, sondern auch bei den Rückgabestellen recht hoch. Aber das Musikprogramm so gedrängt, dass ich deswegen sowieso erst nach 21 Uhr dazu kam, stressfrei zu essen. Eine meiner Fotografenkolleginnen nennt das Festival-Diät.
Das Lineup am Donnerstag (beide Stages)
Am Eröffnungstag spielen 13 Bands, wovon ich 12 fotografieren darf. Der Hauptact sortiert Onlinemedien wie uns aus, Social Media-Posts sind von ihnen nicht gern gesehen. Aber das erledigt dann ja das Publikum ab Reihe 1 für uns mit ihren Handies. Komisch, ist aber so. Und es gibt Schlimmeres, ich feiere trotzdem bis der Arzt kommt und lass mir die gute Laune davon nicht verderben.
Diese Bands habe ich fotografiert - wer will, kann über die Links direkt zur Galerie springen. Aber dann verpasst ihr meine Gutenachtgeschichte:
- Alphornbläser
- Less Than Jake
- Enter Shikari
- Bloodred Hourglass
- Donots
- The Menzingers
- Hollywood Undead
- Sleep Token
- The Hu
- Swiss & die anderen
- Papa Roach
- While She Sleeps
Ich mache mich etwas früher auf den Heimweg in Richtung Unterkunft. Mir besteht noch ein kleines Abenteuer bevor, weil mein Navi mal wieder findet: hey, ich zeig dir einen unkonventionellen Weg. Nebst schlafenden Babyfüchsen auf der Gegenfahrbahn, die nur den Kopf kurz anheben, jagt mich mein Garmin Nüvi - oder wie ich sie nenne «Frau Nüvi sin Schwöschter» - auf irgendeine unsägliche Waldstrasse, die gerade mal so breit ist wie mein Auto. Und mit einer steilen Spitzkehre, in der ich in den ersten Gang runterschalten muss und mein Motor abwürgt. Toll, wenn es hinter dir steil runtergeht und du merkst, wie die Karre rutscht. Trotz Handbremse. Umkehren ist nicht, 500 Meter rückwärtsfahren im Dunkeln habe ich auch keinen Bock. 100 graue Haare und 15'000 Schweissperlen später konnte ich den Wagen dann aber so hindrehen, dass ich mit leicht durchdrehenden Reifen anfahren und die Spitzkurve nehmen konnte, um dann fluchend 20 Minuten über irgendeinen Forstweg hochzufahren. Nein, die Strecke hatte ich auf dem Hinweg definitiv nicht. Und wie das um alles in der Welt der schnellste Weg sein soll, versteht vermutlich niemand.
Als krönenden Abschluss fand sie dann in Riffenmatt ein zweites Mal «die Variante kennst du auch noch nicht» - wieso ich ihr vertraut hab, obwohl ich sicher, war rechts und nicht links abbiegen zu müssen, weiss der Geier. Aber hey – wer fährt nicht gern eine halbe Stunde länger, um in unbekannter Umgebung mit maximal 30 km/h über holprige Strassen zu fahren? Eines ist jetzt schon klar: morgen fahre ich mit Google Maps heim und präge mir jede Kreuzung ein. Ich habe für die nächsten Jahre genug Kieswege im finsteren Wald gesehen. Oder auch nicht, weil es zu dunkel war. Um halb zwei Uhr nachts brauche ich solche Adrenalinschübe echt nicht. Irgendwer interessiert an meinem Navi?
Eventdatum: 08.06.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Greenfield Festival, Interlaken
Veranstalter: Act News
Zuschauerzahl: unbekannt
Opening, Less Than Jake, Enter Shikari, Bloodred Hourglass
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1086-impressionen-von-ueber-45-000-schritten-am-17-greenfield-festival#sigProId5866f943a6
Donots, The Menzingers, Hollywood Undead, Sleep Token
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1086-impressionen-von-ueber-45-000-schritten-am-17-greenfield-festival#sigProId86e925b506
The Hu, Swiss & die anderen, Papa Roach, While She Sleeps
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1086-impressionen-von-ueber-45-000-schritten-am-17-greenfield-festival#sigProId6a451f52be
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
Schreibe einen Kommentar
Bitte achten Sie darauf, alle Felder mit einem Stern (*) auszufüllen. HTML-Code ist nicht erlaubt.