Provokanter Auftritt von Sam Smith mit beeindruckend stimmlicher Brillanz
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Sam Smith begeistert und schockiert die Fans mit seinen Thematiken «Love, Beauty and Sex». Mit seinen vielen Hits bekommt er volle Aufmerksamkeit des Publikums und bringt das gesamte ausverkaufte Hallenstadion zum Mitsingen. Jedoch wechselt das Ambiente stark in Richtung sexuellen Ausdruck.
Supporting Act Cat Burns
(Text: Michelle Brügger)
Da es Daniela wie einige Konzertbesuchende erst zu Sam Smith ins Hallenstadion schafft, erzähle ich euch etwas über Cat Burns. Die junge Britin veröffentlichte ihre erste EP 2016, während sie die BRIT School besuchte und als Strassenmusikerin unterwegs war. Sie veröffentlichte weitere Singles und eine EP. Nebst den Erfolgen auf iTunes hatte sie auch auf TikTok immer mehr Fans und trat auf verschiedenen Festivals auf. 2022 war sie Supporting Act auf Ed Sheerans Tour und veröffentlichte Go erneut. Dieses Mal stieg der Track bis in die Top 10 der britischen Charts auf.
Sie betritt die Bühne in einem schlichten Outfit: Lederjacke, weisser Trikotpulli und eine gelbe Cordhose. Ihr Set eröffnet sie mit Ghosting, bewegt sich von einem Bühnenrand zum andern. Dabei winkt sie oft und formt mit den Händen Herzen. Cat lächelt in die Menge. Sie habe die vielen Pride-Flaggen bemerkt. «Schön, seid Ihr da», meint sie. Sie selbst hatte 2020 ihr coming-out und beschreibt das in Free. Vielleicht helfe das ja dem ein oder anderen, fügt sie an. Song Nummer 3 You don’t love me anymore ist noch nicht released und handelt von Breakups.
Cat entschuldigt sich bei uns. Das sei wohl so ein Herkunftsding. Wenn ihr jemand winke, müsse sie einfach zurückwinken. Wer sie da noch nicht sympathisch fand, hat wohl spätestens dann die Meinung geändert. Mir war nicht klar, dass sie schon längst in meiner Playlist vertreten ist. People Pleaser läuft ja schliesslich im Radio auf und ab. Das sei ein Song für alle, die noch immer denken, sie müssten es allen recht machen und nicht nein sagen können. So natürlich auch zu Live & Love More und Go, den sie als letzten Song performt. Ihre Texte sind alles kleine Botschaften und Aufforderungen, sich nicht zu verbiegen und sich selbst zu sein. Und wer aufmerksam hinhört, dem fällt die geschlechtsneutrale Sprache auf.

Sam Smith bietet uns ein musikalisches Spektakel
(Text: Daniela Frei)
Am Dienstagabend findet in Zürich ein musikalisches Spektakel statt, wenn der international gefeierte Sam Smith im Rahmen der «Gloria Tour» die Bühne des Hallenstadions rockt. Nicht nur im musikalischen Sinne ist dieses Konzert in meinem Kopf präsent doch auch aufgrund der kontroversen Ausdruckstänze und der Bekleidung. Die Bühnengestaltung ist atemberaubend: Eine goldene, liegende Statue erstreckt sich über die gesamte Bühne, während ein erhöhtes Klavier hinter der imposanten Statue thront. Es ist zu Beginn eine optisch ansprechende Darstellung der Bühne mit den goldenen feierlichen Farben.
Das Konzert beginnt mit den drei talentierten Gospel Background-Sängern, die gemeinsam mit Sam Smith auftreten. Plötzlich erscheint Sam in einem funkelnden goldenen Korsett, eröffnet die Show mit Gänsehautfaktor und lässt das Publikum in Ehrfurcht erstarren. Es ist schön zu sehen, wie Sam seinen Gospelsängern die Aufmerksamkeit gibt, und sich vor allen bedankt und ausdrückt, dass das Team unglaublich sei und einen solchen Auftritt ohne sie nicht möglich wäre. Mit Leidenschaft tanzt Sam auf der goldenen Statue und spürt die Musik mit jeder Faser seines Körpers. Smith schafft es, das gesamte Hallenstadion zum Mitsingen zu bewegen und kreiert eine einzigartige Atmosphäre.
Mit energiegeladenem Drumming setzt Sam den Auftritt fort. Er verlässt die Statue und begibt sich in Richtung der Fans, winkt einigen zu und präsentiert den nächsten Hit Never Love You. Der Saal bebt vor Begeisterung, als Sam die charismatische Stimme erklingen lässt und das Publikum in Bann zieht. Kaum zu glauben, wie der Star das breite Spektrum der Töne beherrscht. Der Auftritt erstreckt Hits vom ersten Album hin bis zum neuesten Song Unholy. Mit dem wunderschönen britischen Akzent begrüsst Sam schliesslich alle zur «Gloria Tour» und drückt Dankbarkeit aus, in Zürich zu sein und die Stadt geniessen zu dürfen. Der Popstar ist glücklich, hier sein zu dürfen und vor dem Publikum zu singen und performen. Es sind bereits fünf Jahre vergangen, seit Sam zuletzt in Zürich aufgetreten ist und will diese Veranstaltung nutzen, um eine Party-Reunion zu feiern. Dabei gibt sie nur eine Regel: Jeder soll laut mitsingen und sich frei fühlen. «Diese Show steht für Freiheit. Zieht eure Oberteile aus, tut alles, was ihr tun müsst, um euch frei zu fühlen», fordert er das Publikum auf.
Der Abend von Sam Smiths «Gloria Tour» ist in drei Akte unterteilt: Love, Beauty und Sex. Zu jedem Akt erscheint Smith in einem neuen Outfit, und manchmal gibt es sogar zusätzliche Kostümwechsel zwischendurch. Vom Korsett, über ein violettes Kleid, zum rosa Umhang bis hin zu einem Ledertanga mit Netz Strumpfhosen und einem Teufelsoutfit ist alles dabei. Das Konzert beginnt mit Balladen und entwickelt sich hin zu einer eher schockierenden Show, bei welchem das Talent und die unglaublich einzigartige Stimme meiner Meinung nach verloren geht. Der Londoner Samuel Frederick Smith ist am 19. Mai 1992 geboren, ist bekannt für die sanften Stimme und seinen Songlyrics, welche oftmals von der Vorstellung von romantischer Liebe handeln. Das Thema Selbstliebe und Akzeptanz ist ganz klar im Vordergrund bei diesem Auftritt. Im Jahr 2019 verkündet Sam die Entscheidung getroffen zu haben, endlich sich selbst so akzeptieren zu wollen. Nach lebenslangem Kampf mit der Geschlechteridentität verwendet der Popstar aufgrund seiner non-binären Orientierung nur noch geschlechtsneutrale Pronomen. Im selben Monat in dem der Star «Lonley Hour» veröffentlichte, verriet Sam, noch nie in einer Beziehung gewesen zu sein. Und das, obwohl das Album geprägt von Liebesliedern ist. Smith erhielt in dieser schweren Zeit bei den Grammy Awards 2015 vier Auszeichnungen: Best New Artist, Best Pop Vocal Album, Record of the Year und Song of the Year für Stay With Me».
Während des zweiten Aktes verändert sich das Ambiente und ich kann es für mich nicht mehr als Konzert bezeichnen. Meine volle Aufmerksamkeit galt den Tänzern, die unmissverständlich sexuelle Darbietungen zeigten, die fortlaufend wilder und provokanter wurden. Im dritten Akt steigert sich das und nimmt teilweise einen S&M-Stil an. Ich verstehe die Notwendigkeit, die Sexualität zum Ausdruck zu bringen, jedoch empfinde ich es schade, da es in diesem Ausmass von der musikalischen Glanzleistung des Künstlers ablenkte. Denn Sam ist ein erstklassiger Sänger, der vermutlich mit dem Mikrofon allein mehr Begeisterung erreichen könnte.

Wenn das Konzert unerwartet zur Revue wird
(Text: Michelle Brügger)
Vielleicht exponiere ich mich mit dem folgenden Text. Mir ist aber wichtig zu sagen, dass auch wenn es am Konzert für Daniela und mich stellenweise schon fast zu provokativ war, dies absolut nichts mit unserer Einstellung zur Bewegung der LGBTQIA+ zu tun hat. In meinem privaten Umfeld habe ich wenig bis keine Berührungspunkte mit der Community. Auch wenn ich mir jetzt eventuell keine Freunde mache, aber ich möchte trotzdem etwas ansprechen. Nämlich das Gefühl, das dieses Thema manchmal in mir auslöst: sich auf Zehenspitzen bewegen zu müssen, um ja niemanden ungewollt zu verletzen und dann als intolerante Person betitelt zu werden - von Menschen, die sagen was sie denken und erwarten, dass das in Ordnung ist. Meine Meinung: Alle sollen tun und lassen, was ihnen Spass macht, so wie ich auch. Manchmal verstehe ich vielleicht nicht so ganz, warum man allen seine Vorlieben auf die Nase binden muss. Ist das vielleicht, weil das Thema für sie eine so grosse Bedeutung hat und den ganzen Fokus absorbiert? Weil - und das mag jetzt vielleicht etwas ketzerisch daherkommen - wenn man fordert, etwas als normal anzusehen, wieso präsentiert man es dann als etwas Besonderes, das von allen anerkannt werden muss? Ich verstehe und feiere es, dass jemand so Bekanntes wie Sam Smith seine Plattform nutzt, um zu sagen: Sei wie du bist. Du bist okay, so wie du bist.
Vielleicht war ich auch etwas überrascht von seiner Show, weil ich schlichtweg nicht mit so einer provokativen Darbietung gerechnet habe. Im Grunde macht Sam aber nichts anderes wie viele andere Musikschaffende auch. Und dass ich keine Berührungsängste mit sexuell angehauchten Darbietungen oder Nacktheit habe, sieht man sowohl in meinen Berichten und Posts auf Insta. Ich denke, ich hatte einfach noch Sam Smith vom 12. Mai 2018 im Kopf, der damals ebenfalls im Hallenstadion im Anzug aufgetreten ist. Fast wie bei Verwandten, die du eine Ewigkeit nicht mehr gesehen hast und das neue Ich einen kurzen Augenblick braucht, weil man die alte Version erwartet hatte. Heute Abend steigerte sich das kontinuierlich. Zuerst debattierte ich mit mir selbst, dann unterhielt ich mich mit anderen, die auch am Konzert waren. Und nach einer Nacht drüber schlafen… ja, es war eine visuell provokative Show. Hat das von seiner unglaublich tollen Stimme abgelenkt? Vermutlich. Mich jedenfalls. Ich wusste teilweise nicht, wo ich hinschauen soll, weil so viel gleichzeitig auf der Bühne abging. Bleibt sie mir in Erinnerung? Definitiv. Vor allem seine vielen Outfits in all ihren Ausprägungen. Wäre mir der «alte Sam» lieber gewesen? Nein. Wenn er sich auf der Bühne so ausleben möchte und es auch sichtlich geniesst, dann macht er alles richtig. Dann ist es nämlich keine aufgesetzte Show, sondern eine – wenn auch sehr freizügige – Offenbarung seiner schillernden Persönlichkeit. Und das ist das Einzige, was zählt.
Eventdatum: 16.05.2023
Bericht: Daniela Frei und Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: Gadget abc entertainment group AG
Zuschauerzahl: ausverkauft
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1073-provokanter-auftritt-von-sam-smith-mit-beeindruckend-stimmlicher-brillanz#sigProIdfa24e9183a
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
Das Neueste von Daniela Frei
- Mit Apache 207 war wohl nichts – ein grosses Dankeschön an die unvorhersehbare Wetterlage
- Powershow - Chris Brown bringt das Hallenstadion zum Beben
- Art On Ice: Marius Bear kommt vom Militär direkt auf die Bühne
- Gefühlsachterbahn mit James Bay - rockig und sentimental
- Apache 207-Fans brauchen keinen Sitzplatz
Schreibe einen Kommentar
Bitte achten Sie darauf, alle Felder mit einem Stern (*) auszufüllen. HTML-Code ist nicht erlaubt.