Punkt 19 Uhr öffnet das X-tra seine Pforten. Und obwohl die Schlange bis weit um die Kurve reicht, bin ich im Handumdrehen drinnen. War auch unterhaltsam in der Schlange, da vergeht die Zeit sowieso schneller. Wie so viele Konzerte ist das auch eins, auf das viele seit mehreren Jahren warten. Die Leute hinter mir hatten bei Beginn der Pandemie sagenhafte 30 Tickets am Kühlschrank hängen. Obwohl sich der Saal zunehmends füllt, sind bei der ersten Band noch nicht alle da.
Blind Channel im Strobolicht
2013 begab sich der Finne Joel Hokka auf Solopfade. Nach und nach stiessen die weiteren Mitglieder dazu und Blind Channel wurde gegründet und die Debütsingle Save Me veröffentlicht. Sie traten auf diversen Festivals auf, gewannen einen Musikwettbewerb des finnischen Radiosenders YIeX, der ihnen einen Auftritt am legendären Sziget-Festival in Budapest einbrachte. Sie tourten als Vorband verschiedener Künstler und veröffentlichten weitere Alben. 2019 wurden sie für den Emma Gaala Awards als Rockband des Jahres nominiert und traten als Headliner am Lost in Music Festival in Tampere auf und tourten 2020 bis zum Ausbruch der Pandemie. 2021 vertraten sie Finnland am Eurovision Song Contest und belegten Platz 6. Sie nahmen ihr viertes Album auf und gingen wieder auf Tour - als Headliner und Support.
Als Supporting Act von I Prevail eröffnen sie die Show im X-tra. Die Kombination aus Strobo mit rotem Licht mag für das Publikum toll aussehen. Für uns Fotografen ist das eine Challenge, aber ich lasse mir den Spass deswegen nicht verderben. Zudem gehört rot zu ihrem Markenzeichen - manchmal erkennt man zwischen den einzelnen Strobos das rote Augenmakeup! Die Finnländer gehen ähnlich ab wie ihr Licht und jumpen mit viel Energie umher. Als Vorband haben sie nur eine halbe Stunde zur Verfügung, aber sie kommen schon am 22. April 2023 wieder in die Region - als Support von Electric Callboy in The Hall Dübendorf.

Trash Boat alles andere als Trash
Während der kurzen Umbauphase schaue ich mich etwas im Saal um - es ist inzwischen recht voll, auch oben auf der Galerie. Als nächstes steht Trash Boat auf dem Programm. Die britische Punkrockband spielt seit 2014 in der Gründungsformation. Ihr bisher erfolgreichstes Album war «Crown Shyness», welches direkt auf Platz 2 der Heatseekers Album-Charts schoss. Vom aktuellsten Album «Don’t You Feel Amazing?» haben sie die Single He’s So Good ausgekoppelt. Den Profit von Single und Merch haben sie der LGBTQ+ Jugend-Wohltätigkeitsgruppe AKT gespendet.
Band Nummer zwei steht Blind Channel in puncto Energie in nichts nach und lassen es genauso krachen. Allerdings habe ich hier mehr Freude am Beleuchtungskonzept als vorher. Der Sound hört sich gut an und auch sie schippern dieses Jahr nochmal in die Schweiz. Vor einem der letzten Songs gibt Tobi Duncan ein Statement ab, das wir uns alle viel öfter zu Herzen nehmen sollten: Hör nicht auf das, was andere sagen. Such nicht in anderen Bestätigung. Sei wie du bist, liebe wen du willst und mach, was auch immer dir Spass macht.

I Prevail - packend, trotz Brians Stimmeinbrüchen
Auch wenn auf der Webseite angekündigt war, sie hätten ihr zweites Album im Gepäck, besteht ihre Setlist aus einem guten Mix aus Songs des neusten Werkes und ein paar wenige von «Trauma». Bei manchen Titeln kündigen sie nur den Namen an, bei anderen erzählen sie ein wenig über die Hintergründe, stellen dem Publikum Fragen. Feel Something ist besonders herauszuheben, weil dieser das erste Mal live gespielt wurde. Der Track ist eine Cooperation mit Illenium und Excision und zu Beginn eher auf der sanften Seite. Stimmlich war Brian wohl etwas angeschlagen, was mich direkt an die Bandgeschichte erinnerte.
I Prevail wurde im Jahre 2013 gegründet. Es startete mit Brians Leidenschaft zur Musik. Steve, Eric und später Dylan stiessen dazu und sie begannen Songs zu schreiben. Sie veröffentlichten ihr metal Cover von Taylor Swifts Blank Space und die Single ging viral. Ihre Leidenschaft wurde zum Vollzeitjob und sie begannen zu touren. Dabei verausgabten sie sich so sehr, dass der Druck zu gross wurde und sie ausgelaugt waren, so Brian. Der Traum wurde zum Albtraum, die Leichtigkeit war weg. So auch nach und nach seine Stimme, die ständig schmerzte. Als dann auch noch ihr Tourbus abbrannte und sie alles verloren, stellten sie vieles in Frage. Gleichzeitig schienen sie zu Hause alles zu verpassen. Zurück im Studio widmeten sie sich ein Jahr lang der Suche nach sich selbst. Und sie wurden fündig und entdeckten ihre Liebe zur Musik neu.
Ihr daraus resultierendes zweites Album «Trauma» schaffte es in Australien auf Platz 6. Dieses kam zwei Jahre nach ihrem Debütalbum von 2016 auf den Markt. Während es ihre Singles und EPs nicht über den grossen Teich schafften, kam ihr neustes Album «True Power» 2022 in Europa genauso gut an wie in ihrer Heimat. Obschon der Titel Alone 2017 den Loudwire Music Award als Hard Rock Song of the Year gewann spielen sie ihn an diesem Gig nicht. Dafür gab es aber - wie könnte es anders sein - als Zugabe Bow Down, der an den Grammy Awards 2019 als Best Metal Performance nominiert wurde. Dieser ist vom Album «Trauma», das im gleichen Jahr in der Kategorie Best Rock Album nominiert war.

Während den ersten drei Songs im Graben habe ich einen kurzen Gefühls-Rollercoaster durchlebt. Nicht unbedingt wegen der Musik, sondern wegen eines Typen in der ersten Reihe hinter mir. Er ging so dermassen auf in der Musik, dass er alles um sich herum vergass. Unter anderem wohl auch, dass wir im X-tra direkt an der Absperrung am Boden kauern und seine Haare recht lang sind. Als er mich damit die ersten paar Mal beim Headbanging gepeitscht hat, war ich irritiert und etwas genervt. Ihm war irgendwo wohl doch bewusst, dass er nicht ins Leere headbanged und hat sich zwischen zwei Songs entschuldigt. Das hat bei mir direkt einen Gefühlswechsel angestossen. Sich dafür entschuldigen? Nein, fühl die Musik weiter und mach einfach. Für mich ist’s zwar etwas komisch, aber hey… halte dich nicht zurück. Tat er auch nicht und nach kurzer Akzeptanzfindungsphase fing ich an zu lachen, weil es irgendwie doch sehr surreal ist. Getoppt wurde das eigentlich nur noch dadurch, dass ich immer wieder blitzschnell meine zweite Kamera von einer der Treppenstufen nehmen musste, damit die aus dem Publikum gefischten Leute nicht draufstehen. Oder war es dann doch der Typ von Song 4, der mir im Vorbeigehen mal kurz auf den Hintern getrommelt hat, während ich die Kamera verstaue?
Für den Rest des Konzerts bewegte ich mich etwas im Saal herum, stand mal hier, mal dort. Genauso unterschiedlich wie das Publikum war auch die Reaktion auf die Musik von I Prevail. Während die einen ausgelassen tanzten und ihre Haare fliegen liessen, standen andere fast reglos da. Der grösste Unterschied für mich war, dass praktisch niemand gequatscht hat - das hat leider Seltenheitswert. Für mich ist klar: wenn I Prevail das nächste Mal in Zürich ist, möchte ich auch wieder unter den Zuhörern sein. Bis dahin muss ich mir wohl oder übel Youtube-Videos und Spotify auf die Ohren knallen.
Eventdatum: 07.03.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: X-tra, Zürich
Veranstalter: Mainland Music
Zuschauerzahl: unbekannt
Blind Channel
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1033-i-prevail?print=1&tmpl=component#sigProId230fb3e9ac
Trash Boat
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1033-i-prevail?print=1&tmpl=component#sigProIdec2d1eda39
I Prevail
https://szenemagazin.ch/konzert/item/1033-i-prevail?print=1&tmpl=component#sigProIdc6d66ce8b4
