Die ZSC Lions löschen das Drachenfeuer
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Wer hätte das noch vor ein paar Spielen gedacht, dass der ZSC in 4 Spielen durchs Halbfinale marschiert! Die Zürcher liessen in dieser Partie nichts anbrennen und erstickten die Flammen direkt im Keim. Mit dem Endstand von 6:2 bedeutet dies das Aus für die Gäste in dieser Saison.
Ausverkauftes Haus. Laut Stadionsprecher das erste Mal seit vier Jahren! 11'200 Hockeyfans sitzen und stehen in den Rängen. Das Licht wird gedimmt und während der Trailer über die Leinwand flimmert, leuchten die Ballone in weiss-blau-rot. Die Stimmung ist hervorragend und wird während des Spiels immer besser. Kein Wunder, es wird unterhaltsames Hockey geboten und die Heimmannschaft schiesst ein Tor nach dem anderen. Doch so richtig traut sich bis zum 5:2 noch keiner, den verlängerungsfreien Sieg und damit den Finaleinzug laut auszusprechen. Erst als das 6:2 fällt, fängt das Publikum knapp 5 Minuten vor Ende der Partie an, «Finale, oh-ooooh» zu singen.
Die Partie beginnt bereits energiegeladen. Marc Aeschlimann zeigt den Fribourgern in den ersten 5 Minuten aus nächster Nähe zuerst die die Bande und dann das Eis hinter dem Tor. Check, Check. Danach hat er seine Gastgeberaufgaben erfüllt und sorgt in der 6. Minute für den ersten Treffer des heutigen Spiels. Kein schönes Tor, eher ein Gestochere. Im Stadion wird noch immer gejubelt, als David Desharnais den Keeper Jakub Kovar mit einem klassischen Buebetrickli überlistet. Das «Jaaaa» hinter mir ist laut. Aber ich stehe auch in der Fankurve des Fribourg-Gottéron HC, durch den Rest der Halle echot ein überwiegendes «Neiiiiiin». Dieselbe Situation wiederholt sich später beinahe nochmal, doch nach Video-Review sehen auch die Refs, dass der Puck nur an den Pfosten ging. Schüsse auf und neben das Tor halten sich im ersten Drittel die Waage, abgeblockt hat der ZSC aber mehr als die Gäste. Im ersten Drittel wurde keine einzige Strafe ausgesprochen und es geht ausgeglichen in die Pause.
Beide Mannschaften knüpfen an den vorherigen Abschnitt an und schenken sich nichts. In der 24. Minute bringt Marcus Krüger die Lions mit einem Schuss ab der blauen Linie in Führung. Direkt im Anschluss fällt der nächste Treffer, der jedoch vereitelt wird. Ob die nachfolgende Szene spielentscheidend ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Eigentlich fängt es relativ harmlos an. Christopher diDomenico holt Chris Baltisberger an der Bande bei den Spielerbänken relativ spektakulär von den Kufen. Baltisberger segelt auf den Boden, danach geht das Gerangel auf beiden Seiten los. Ein kurzer, aber intensiver Schlagabtausch zwischen mehreren Spielern. Dann wird Baltisberger vom Schiedsrichter energisch in Richtung Mitte des Eises geschoben. Zuerst fahren DiDomenico und Baltisberger zu den Strafbänken und nehmen Platz. Doch dann werden die Strafen ausgesprochen: Baltisberger kassiert 2 Minuten wegen übertriebener Härte. DiDomenico fasst 5 Minuten für Beinstellen, was automatisch zu einer Spieldauerdisziplinarstrafe führt. Damit verliert Fribourg-Gottéron nach nur 25 Minuten im entscheidenden Spiel ihren Topscorer. Ob das auf die Moral schlägt oder die Gäste motiviert, jetzt erst recht zu gewinnen?
Die Lions sind Mitten im Powerplay, als Killian Mottet wegen Hakens für zwei Minuten noch mehr Platz auf dem Eis schafft. Doch die Zürcher warten, bis die Kontrahenten wieder vollzählig sind. In der 31. Spielminute erwischt Marcus Krüger einen Abpraller von Berra und tütet das 3:1 ein. Beinahe fällt der nächste Treffer auf Zürcher Seite, doch Philippe Furrer verhindert das mittels Stockschlags. Das folgende Powerplay mutet aber eher wie eines der Gegenmannschaft an, vor Kovars Kasten ist definitiv mehr los als bei Berra. Trotzdem wird im Mitteldrittel nur zwei Mal auf resp. neben sein Tor geschossen, während die Zürcher 21 Mal in Richtung Torhüter ballern. Bei der Intensität ist es nicht verwunderlich, dass der nächste Treffer zu Gunsten der Lions erfolgt. Es war zwar ein riesen Gestochere und ich habe auch nach dem Videoreview nicht genau gesehen, wie Bodenmann die Scheibe schlussendlich hinter Reto Berra gebracht hat, aber der Treffer zählt. Und die nächste Strafe folgt sogleich: wegen Spielverzögerung wird eine Teamstrafe ausgesprochen. Just als Fribourg-Gottéron wieder komplett ist, fällt in der 38. Minute das 5:1, erneut durch Simon Bodenmann. Die ersten vorsichtigen «schaffen wir den Sieg heute ohne Overtime?»-Fragen fallen.
Unglaublich, aber auf Seiten Fribourg-Gottéron sass man nach 40 Minuten Spielzeit satte 31 Minuten auf der Strafbank. Oder anders gesagt: während der halben Partie musste ein Spieler aussetzen – den Verlust des Topscorers nicht mit eingerechnet. Der Spielstand lädt zum Feiern ein, auf den Rängen sieht man bereits die ersten La Ola-Wellen und genau in dem Moment, als die Chorgesänge für einen greifbaren Sieg einsetzen, zieht Daniel Brodin ungestört vor Jakub Kovars Tor und versenkt zum 5:2. Noch ist nichts entschieden, in 14 Minuten alles ist möglich. Zumindest dachten sich das die Gäste für ungefähr 20 Sekunden, bevor sie auf einen weiteren Spieler verzichten müssen. Nach einem Bandencheck durch Justin Azevedo verlässt Mauro Dufner verletzungsbedingt das Eis. Ihr Powerplay können sie jedoch nicht in einen weiteren Treffer verwandeln, weil Kovar mit Big Saves dicht hält. 3 Treffer in 4.5 Minuten? Unwahrscheinlich. Berra verlässt das Eis, kurz bevor Christian Dubé ein Timeout nimmt. Ich vermute stark, er nimmt die Pizzabestellung für die Heimreise auf, weil die Hoffnung auf einen Ausgleich wohl schon im Bus sitzt. Oder nutzt er seinen Notizblock tatsächlich für letzte Anweisungen, die es noch herumreissen sollen? Die Rechnung geht jedenfalls nicht auf – 23 Sekunden stand das Tor leer, bevor Marc Aeschlimann die Scheibe zum 6:2 in die Maschen setzt. Und jetzt gibt es kein Halten mehr. «Finale, Oh-Ooooh» hallt durchs Stadion, die ZSC-Fans sind so laut, dass ich die Fribourger Delegation nur noch ganz leise höre – und die feuern ihre Mannschaft weiterhin aus vollem Herzen an. Reto Berra kommt für die verbleibenden knapp 4 Minuten wieder aufs Eis, während auf Zürcher Seite Ludovic Waeber seinen Kollegen Jakub Kovar ablöst. Christian Marti schaut sich die letzten Minuten von der Strafbank aus an, doch mit den verbleibenden 1:45 Minuten fehlt den Gegnern die Zeit, um noch vier Tore zu schiessen. Nein, den Sieg lassen sich die ZSC Lions nicht mehr nehmen.
In der zweiten Halbfinalbegegnung lag der HC Davos lange mit 1:0 in Führung. Doch 19 Sekunden vor Ende der Partie schafft der EV Zug doch tatsächlich noch den Ausgleich. Und beendet die Serie nach 45 Sekunden Overtime in ebenfalls 4 Spielen. Somit wird das erste Finalspiel bereits am Ostermontag in Zug ausgetragen. Der EV Zug ist in Topform und hatte zwischendurch ein paar Tage Pause, während die ZSC Lions seit Beginn der Playoffs im Dauereinsatz sind. Wir kommen jedenfalls nochmal in den Genuss von ein paar Spielen im Hallenstadion – ob die ZSC Lions ein letztes Mal Meister auf dem Oerliker Eis werden? Träumen ist erlaubt. Wie es ausgeht und wer sich den Titel holt, wird sich noch zeigen.
ZSC Lions vs. Fribourg-Gottéron HC 6:2 (1:1 | 4:0 | 1:1)
Details zum Spiel: Gamecenter SIHF
Aufstellung: TeamRoaster
Eventdatum: 14.04.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: ZSC Lions
Zuschauerzahl: 11'200
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