Keine Show für Menschen mit gebrochenem Herzen
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Wer Herzschmerz im eigenen Leben hat, sollte sich einen Konzertbesuch von Calum Scott ersparen. Weshalb? Weil er es sich zur Aufgabe macht, selbst die glücklichste Person im Saal zum Weinen zu bringen.
Die Show im Zürcher Volkshaus ist ausverkauft: im Parterre sind die Stühle in engen Reihen bis zum Saal-Eingang aufgestellt und bei Showbeginn sind fast alle Plätze besetzt. Auch die Galerie ist offen, damit die 973 Besucher Calum Scotts Konzert geniessen können.
Weshalb bestuhlt? Nun… sowohl der Opener Mitch James als auch Calum Scott selbst schlagen eher ruhige Töne an. Und der fürsorgliche Calum verrät uns während des Auftritts, er möchte unsere Füsse schonen. Das und dass es sein Job sei, uns zum Weinen zu bringen. Zuerst ein wenig, dann ein bisschen mehr und dann so richtig.
Doch auch Mitch James hat mehr oder weniger nur Lieder über Herzschmerz und Ex-Freundinnen im Gepäck. Der Neuseeländer erzählt uns zu jedem seiner Songs eine kleine Geschichte und sorgt damit auch für den einen oder anderen Lacher. Die Songs stone cold sober und fade to black sind auf dem zweiten Album «Patience» zu hören, das im November 2022 herauskommt. In seinem Heimatland ist der 27-Jährige kein Unbekannter und hat für seine Singles Move On, All the Ways to Say Goodbye Gold und für 21, Old News, Bright Blue Skies und Sunday Morning jeweils Platin abgestaubt. Vor 4 Jahren wurde er zum Best New Zealand Act der MTV Europe Music Awards gewählt und bei Vodafone New Zealand Music Awards für die beste Single des Jahres nominiert. 2019 gewann er zudem an den VAC Benny Awards die Auszeichnung als Top Male Artist.
Mitch strahlt eine ruhige Energie aus und das Publikum sitzt beinahe reglos auf den Stühlen. Gefällt es ihnen oder sind sie in seinen Bann gezogen? Letzteres, auch wenn nur bei einzelnen Songs Bewegung in die Zuschauer kommt, wenn der Beat etwas schneller wird. Aber der Schlussapplaus ist Zeugnis genug, wie sehr wir seine Performance genossen haben.

Der Umbau gestaltet sich schnell und unkompliziert – schliesslich muss man nur zwei Monitore und ein Gitarrenpedal wegtragen. Die 20-minütige Pause wird vom Publikum mehr oder weniger sitzend überbrückt. Vermutlich haben die wenigsten das Bedürfnis, sich aus den engen Reihen rauszuschlängeln. Die Türen zum Saal werden geschlossen, das Licht geht aus und die Band kommt auf die in dunkles blau getauchte Bühne. Die Takte des ersten Songs, das Licht wechselt zu einem sanften violett-Ton und Calum Scott betritt die Bühne. Er wird vom Publikum wärmstens empfangen. Seine Lieder sind nicht immer seichte Kost. Vor allem dann nicht, wenn man die Hintergründe zu den Songs erfährt.
Nach den ersten drei Songs packe ich meine Kamera weg und setze mich in die hinterste Reihe, wo einige Plätze frei sind. Ein paar Lieder später kommen zwei junge Männer und natürlich bin ich genau auf ihren Sitzen. Ich platziere mich so um, dass ich keine Säule im Weg habe. Ich höre die beiden die ganze Zeit quasseln, während der eine die ganze Zeit auf sein Handy schaut. Irgendwann dreht sich eine Zuschauerin in der vorderen Reihe zu ihnen um und bittet sie, leiser zu reden. Es störe schon ziemlich. Einen Moment lang waren sie dann auch tatsächlich still, wechselten dann aber die Plätze.
2015 stand Calum Scott bei Britain’s Got Talent im Finale. Angemeldet hat ihn seine Schwester – wie davor schon zu unzähligen Karaoke-Events und Wettbewerben. Seit der Show hat er 11 Singles herausgebracht, die mehrfach mit Gold und Platin ausgezeichnet wurden. Der Titel Dancing on My Own, kommt in der 7. Staffel von «Vampire Diaries» zum Einsatz. Diese Single ist wohl nicht zuletzt deswegen in den US-Charts aufgetaucht.
Er möchte mit seiner Musik Botschaften in die Welt tragen. Er verarbeitet in den Texten seine Vergangenheit, unter anderem auch sein Coming Out. In einem YouTube-Video erzählt er, wie er als Teenager mit seiner sexuellen Orientierung kämpfte und sich irgendwann seinem besten Freund anvertraute. Sein Vertrauen wurde arg missbraucht, als dieser es all seinen Freunden erzählte. Einer nach dem anderen wendete sich von ihm ab, wie wenn er etwas falsch gemacht hätte. Als er sich gegenüber seiner Mutter outete, befürchtete er eine ähnliche Reaktion, doch sie reagierte schlichtweg mit: Ich liebe dich über alles. Dennoch unterdrückte er seine sexuelle Orientierung jahrelang.
In diesem YouTube-Video erzählt er über seine Erfahrung:
Als er sich bei Britain’s Got Talent dazu entschloss, seine Homosexualität öffentlich zu machen, war seine grösste Angst, dass sich seine Jugendzeit wiederholt und sich alle von ihm abwenden. Er sagt, er fand den Mut durch die Musik, dazu zu stehen, wer er ist. Und er möchte mit seinen Songs Gespräche anregen, anderen Mut geben, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie er damals. Heute wird er manchmal auf der Strasse angesprochen, erhält Nachrichten von Menschen, die ihm sagen, wie sehr ihnen die Lieder geholfen hätten, sich zu outen und besser zu fühlen. Genau das wolle er mit seiner Musik erreichen, sagt er, und das zu schaffen, mache ihn sehr glücklich.
Eines dieser Lieder ist seine Coverversion von Boys in The Street, das die Thematik anspricht, wenn sich die Familie abwendet. Wie wichtig ihm dieser Song ist, merken wir am Ende. Seine Emotionen überwältigen ihn und nicht nur seine Augen füllen sich mit Tränen, als er sich etwas abwendet. Das Publikum steht auf, applaudiert heftig und zeigt damit, wie sehr die Botschaft bei uns ankommt.
Der sympathische Brite drückt während des Konzerts immer wieder seine Dankbarkeit aus. Und mehr als einmal ist er fast peinlich berührt, wenn das Publikum ihm mit Standing Ovations applaudiert. Er appelliert an uns, das Leben sei wertvoll und zu viele Menschen würden aus Verzweiflung ihr Leben wegwerfen. Die Lösung sei, mehr miteinander zu reden, sich nicht zu verstecken oder zu verstellen. Das liege ihm sehr am Herzen und er danke uns fürs Zuhören. Schliesslich seien wir nicht an einer Konferenz, um seinem TED-Talk zu lauschen.

Nach dem Maroon 5-Cover This Love stimmt er Where Are You Now an und das Volkshaus steht einmal mehr. Bei Run With Me kommen wir zum gesanglichen Einsatz, der meiner Meinung nach nicht so gut geklappt hat. Wenig später kündigt er an, er habe nur noch zwei Songs. Jeder Elternteil habe einen Favoriten, das sei einfach so. Und das sei seiner: er widmet den Song You Are the Reason jedem einzelnen von uns. Dies ist der Gänsehautmomen für mich: Das ganze Publikum wird zum Chor und singt den Refrain.
Bevor er den letzten Song anstimmt, drückt er erneut seine tiefe Dankbarkeit aus. Die Pandemie habe vieles verändert und alles sei teurer geworden. Die Tatsache, dass wir in unsere Taschen greifen und unser hartverdientes Geld ausgeben würden, um an sein Konzert zu kommen, bedeute ihm die Welt. Ohne uns, so Calum, wäre das alles nur ein Hobby. Wieder ist er von unserer Reaktion überwältigt, als könne er gar nicht glauben, was da gerade geschieht.
Seine Zugabe ist das Cover von Dancing on My Own. Dieser Song hat sein Leben verändert, so Calum. Das war der Titel, den er bei Britain’s Got Talent sang und 2016 die Single-Charts stürmte. Und wer zu dem Zeitpunkt noch immer aufmerksam zugehört hat, musste sicher grinsen. Denn er hat die zweite Zeile «And there’s a big black sky over my town» durch «And there’s a big blue sky over Zurich» ersetzt. Er bedankt sich noch ein letztes Mal beim Publikum und verspricht, bald wieder zurückzukommen.
Eventdatum: 16.09.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Volkshaus, Zürich
Zuschauer: 973 Personen
Veranstalter: Gadget abc Entertainment Group AG
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