Rock the Opera in der Tonhalle Zürich. Geht das?
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Beeindruckend ist sie, die frisch renovierte Tonhalle in Zürich. Sowohl optisch als auch akustisch. Aber funktioniert es auch mit Rockmusik? Das Prague Philharmonic Orchestra hat uns diese Frage beantwortet. Sie interpretieren Songs aus dem Rockgenre von bekannten Bands in klassischer Manier.
Schön ist sie, die Tonhalle. Eindrucksvoll, elegant. Vielleicht würde sie noch ein oder zwei Hinweisschilder vertragen, damit man die Toiletten findet. Oder den Backstagebereich, nach dem uns einer der Musiker in der Pause hilfesuchend fragt. Uns kommen direkt diverse Ideen in den Sinn, was man vor dieser wunderbaren Kulisse fotografisch umsetzen könnte. Schon vom Entrée und dem Gastronomiebereich beeindruckt, entschlüpft mir ein begeistertes «Woooow», als wir den grossen Tonsaal betreten. Ein Deckengewölbe mit Kronlüstern, Säulen in der Galerie, am Bühnenende Orgelpfeifen. Warme Farben, die sich harmonisch in Architektur und Mobiliar einfügen.

Das Eröffnungskonzert im neuen Gewand der Tonhalle fand Mitte September statt. Die Akustik wurde in den höchsten Tönen gelobt, weshalb ich äusserst gespannt auf die Soundqualität war. Ich hatte die Möglichkeit, aus sprichwörtlich jedem Winkel ein Ohr voll Musik zu nehmen.
Unter der Leitung des Dirigenten Friedemann Riehle wagen sich an Songs von Queen, interpretieren legendäre Titel von Pink Floyd, U2, AC/DC, Led Zeppelin und Deep Purple.
Das Ensemble besteht aus 16 Streichern, 13 Bläsern, 1 Harfenspielerin, und 1 Paukisten. Ich bin etwas unsicher, ob der Keyboarder zum Ensemble zählt oder das Orchester zusammen mit Drummer, Bassist und Gitarrist ergänzt. Den Gesangspart übernehmen Maky, Leanne Jarvis und Niki.
Wer anhand des Tournamens annimmt, eine moderne Oper im Stil des Musicals «Ewigi Liebi» zu sehen zu bekommen, wäre enttäuscht. Eine Oper würde nicht nur klassische Musik, sondern eine schauspielerische Darbietung beinhalten. Da nun aber «Rock meets Classic» als Name schon besetzt ist, scheint man für die Benennung der Tour etwas gesucht zu haben, das Klassik am nächsten kommt. Falls jetzt der Eindruck aufkommt, ich sei von der Vorstellung enttäuscht, hat falsch gedacht. Die Interpretation der dargebotenen Songs ist raffiniert. Teilweise werden die Intros verlängert, die Dramaturgie verstärkt oder einem schnellen Lied wird etwas Ballade eingehaucht. Bei keinem Titel denkt man sich: «Oh, da passen die Streicher jetzt aber nicht» oder «hm… Bläser zu dem Track?». Natürlich sind es keine Rocksongs mehr, sie sind sanfter und lassen einem eher mitschwingen als mit dem Fuss im Takt zu wippen. Aber das ist ja auch nicht das Ziel.
Marcel Kaul und ich begeben uns auf unsere Plätze in der ersten Reihe. Was lieb gemeint war, erweist sich aber als grossen Nachteil. Die Bühne ist zwar nur knapp einen Meter hoch, aber ich würde selbst mit meinem Weitwinkel nur die vordersten Musiker aufs Bild bekommen, der Rest wird entweder von Kollegen oder Notenständern und Mikrofonen verdeckt. Verdankenswerterweise dürfen wir uns aber frei im Saal bewegen, wovon wir schon nach dem ersten Song Gebrauch machen. Titel für Titel verschieben wir unseren Standort. Mir fällt auf, dass auf der Galerie niemand sitzt. Ob wir da wohl hochdürften? So würden wir weder das Publikum mit unseren Positionswechseln stören, hätten keine Silhouetten am Bildrand und würden alle Mitwirkenden auf der Bühne fotografieren können.

Wir durften! Ehrlich gesagt war das nicht nur ein Gamechanger für unsere Aufnahmen, es war auch akustisch ein interessantes Erlebnis. Nebst der Tatsache, dass man es in der Pause rascheln hört, als würde jemand direkt an meinem Ohr ins Nusssäckli greifen, ist auch der Klang besser. Nein, ich würde es nicht überall als Genuss bezeichnen. Je näher man seitlich zur Bühne kommt, umso mehr erinnert es mich an die Soundqualität im Hallenstadion. Das kann jetzt entweder an der Halle oder am Tontechniker liegen. Ja, für Klassik ist die Akustik wunderbar, was ich bei den Intros mit den orchestralen Instrumenten eindrücklich demonstriert bekomme. Gesang und Gitarren haben für mich jedoch zu wenig «umpf». Diesen Eindruck teile ich mit einigen Zuschauern und Marcel, der den Auftritt filmisch festhält.
Wie mir persönlich der Auftritt gefiel? Die Location hat mich am Ende mehr beeindruckt als die Performance. Es war weder Fisch noch Vogel. Kein Rock, aber auch keine Klassik. Nicht dramatisch genug interpretiert, um die glanzvolle Halle zu rocken. Stellenweise war es so weit von Klassik entfernt, dass man mit geschlossenen Augen eher an Fasnacht hätte denken können – ohne Guggenmusik abwerten zu wollen! Es ist aber schlicht und ergreifend ein anderes Genre. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Eine Zuschauerin meinte: «Wenn an einem Konzert zwei Songs so richtig rocken, ist das ein gelungener Abend für mich». Das hat das Prague Philharmonic Orchestra mehr als erfüllt. Dementsprechend ernten sie am Ende auch viel Applaus und eine standing ovation des Zürcher Publikums.
Wir stehen noch einen Moment vor der Tonhalle und tauschen unsere Eindrücke aus. Dabei bemerken wir, dass der Reisebus beladen wird. Eben noch waren die Musiker in Abendgarderobe auf der Bühne und jetzt kommt einer nach dem anderen in Freizeitkleidung zum Car, lädt sein Gepäck und Instrument ein. Ich frage nach, wo es zu so später Stunde noch hingeht: «Nach Hause», sagt er. Verständlich, dass alle so rasch wie möglich loswollen. Immerhin haben sie mindestens 7 Stunden Fahrt vor sich bis nach Prag. Sie werden nur ein paar Tage zu Hause sein, bevor es weiter in Richtung Kroatien geht. Denn wie sie es im letzten Song passend zum Ausdruck brachten: «The show must go on».
Eventdatum: 10.10.2021
Location: Tonhalle, Zürich
Fotograf: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Videograf: Marcel Kaul / szenemagazin.ch
Veranstalter: Prag Philharmonic Orchestra
Zuschauerzahl: unbekannt
https://szenemagazin.ch/konzert/item/662-rock-the-opera-in-der-tonhalle-zuerich-geht-das#sigProIdbd1c22953a
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