Nachdem ich die zur Verfügung stehenden Informationen auf ihrer Webseite studiert habe, blieben für mich diverse Fragen unbeantwortet. Ist das wieder so eine Solidaritätsaktion, wo für die Sache selbst nur ein Franken übrigbleibt und der Rest vom administrativen Aufwand verbraten wird? Oder ist die Idee so cool, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint? Aber wer tut sich den ganzen Aufwand an, ein Festival auf die Beine zu stellen, das gar nicht stattfindet? Dominik Gysin hat mir in einem Telefoninterview diese und weitere Fragen beantwortet.
Die Idee zum Ghost-Festival
Domink Gysin unterhielt sich mit Leuten aus seinem Kollegenkreis darüber, wie die Musikbranche seit März 2020 quasi stillsteht. Kann man da aktiv was für die Künstler tun? Wenn ja, was? So kam die Idee auf, eine Solidaritätsaktion zu starten, um den Musikschaffenden ein Dankeschön zukommen zu lassen. Wie wäre es, wenn man dafür die Maschinerie dieser Branche nutzt, um ein Festival aufzuziehen, ohne dass die Künstler auftreten? Die Idee zum «Ghost-Festival» war geboren.
«Ich habe neue Leute kennengelernt, obwohl das in Bern fast unmöglich ist, aber es ist tatsächlich so» - Domink Gysin
Am 18. November 2020 fand die erste Sitzung statt, an der der Entscheid für das Festival fiel und der Verein «Ghost Club» gegründet wurde. Einige arbeiten seit diesem Tag Vollzeit im Projekt mit, andere nebenberuflich. Bisher waren sie genauso gesichtslos wie der Festivalname. Nebst den Namen der Medienansprechpartner findet man momentan jedoch nur die beiden Mitgründer Baldy Minder und Florian Eichenberger, nachdem sie in den Nachrichten des Schweizer Fernsehens in einem Beitrag zu sehen waren.
Nebst dem Wissen aus der Musikbranche fliesst auch viel professionelles Können aus anderen Gebieten mit ein. Kommunikation, Social Media, Grafik und Design, Treuhand beispielswiese sind alles Leute, die damit branchenunabhängig ihr Geld verdienen.
Da das Projekt so viel Aufmerksamkeit bekommt und stetig wächst, verraten sie nächstens auf der Webseite, wer alles hinter den Kulissen mithilft.

Um was geht es jetzt genau?
Die Vorbereitungszeit für das Festival, das gar nicht stattfindet, ist definitiv kürzer als sonst. Das heisst aber nicht, dass es weniger Arbeit gäbe. Statt während eines Jahres wird hier nur knapp 3 Monate lang Vollgas gegeben. Das beinhaltet die ganze Planung, Kommunikationsstrategie, Aufbau der Webseite, Grafik & Design, Sponsoring, Werbestrategien und natürlich auch das Booking.
Natürlich hat es die Sache vereinfacht, dass die Künstler keine Terminkonflikte lösen mussten oder Gagenverhandlungen wegfallen. Sämtliche Bands im Line-Up sind angefragt worden, ob sie Interesse haben, in das Ghost-Festival involviert zu sein und eine – vermutlich am Ende her symbolische – Gage zu bekommen, ohne aufzutreten. Einige lehnten die Anfrage tatsächlich ab.
«Zu Beginn bestand eine gewisse Irritation. Teilweise führte das zu lustigen Situationen bei unseren Bandanfragen. Einige meinten: ‘Nein, wir treten 2021 nicht auf’ und wir mussten nochmal erklären, dass das genau der Punkt sei» - Dominik Gysin
Wie jetzt… eine Gage, ohne aufzutreten?
Korrekt. An den beiden Festivaltagen wird niemand auftreten. Es gibt keinen Livestream. Nichts. Da wurde nichts abgesagt oder verschoben – ein Auftritt war nie geplant. Dennoch kann man Tickets für das Ghost-Festival kaufen und Merchandising erwerben. Ticketeinnahmen fliessen zu 100% in den Gagentopf, beim Merchandising-Verkauf werden Produktionskosten und Arbeitsstunden abgezogen.
Als Hauptsponsoren konnten sie die Migros und die Mobiliar Versicherung für die Idee begeistern, die auch sonst bekannt sind für ihre Unterstützung im Kulturbereich. Partner wie passive attack, Petzi helfen aktiv mit, der Berufsverband für Medienschaffende Schweiz oder Doppelleu und plus++ sind ebenfalls mit an Bord. Derzeit ist man noch mit weiteren Sponsoren, Stiftungen und Partnern im Gespräch.
Die Sponsoringbeiträge werden zunächst für die übrigen Auslagen wie Werbung, Personalkosten etc. eingesetzt. Ist mehr Geld eingeflossen als dafür benötigt wird, fliesst der Rest ebenfalls in den Gagentopf.
Bei diesem Festival erhält jeder gleich viel Gage. Vom Tontechniker zur weniger bekannten Band bis zum Topact; am Ende wird der Erlös pro Kopf ausbezahlt. Viele der grossen Bands auf ihren Anteil, der dann auf die übrigen verteilt werden kann.
Wie kann ich mich daran beteiligen?
Auf der Webseite und auf Instagram werden die verschiedenen Merchandising-Artikel promoted, die man tatsächlich physisch kaufen kann.
Die Tickets für das Festival, das – um es nochmal zu sagen – nicht stattfindet, werden über das Ticketingsystem von Petzi verkauft. Von 20 bis 100 Franken sind Tickets verfügbar und wer will, kann sich einen Festivalbändel schicken lassen. Musik gibt’s dafür am 27. und/oder 28. Februar 2021 aber nicht auf die Ohren. Ausser, man hört sich an diesen Tagen die eigens zusammengestellte Playlist auf Spotify an – auch wenn die natürlich gratis ist.
Wer den Musikschaffenden einen anderen Beitrag als die Tickets zukommen lassen möchte, kann auch auf einen der «Support-now»-Buttons klicken und den Betrag selber bestimmen.
Und last not least hilft man dem Festival auch, wenn man auf seinen eigenen Social Media-Plattformen darüber berichtet und ihre Posts teilt. Das Ghost-Festival wird auf Instagram, Facebook und TikTok promoted.
Ist das eine seriöse Sache?
Meiner Meinung nach zu 100%. Meine anfängliche Zurückhaltung wegen Erfahrungen wie z. B. einem «Muddy Angel Run», bei dem vom Startgeld am Ende gerade mal ein Franken an die Krebsforschung geht, ist komplett verflogen. Einerseits wird offen und transparent kommuniziert. Es ist klar ersichtlich, wie die Endabrechnungen erfolgen, sie werden diese Zahlen nach dem Festival veröffentlichen. Sie sagen explizit, dass kein Gewinn erzeugt werden soll.
Das Projekt scheint sehr professionell abgewickelt zu werden. Domink Gysin ist keiner meiner Fragen ausgewichen, hat sie sehr sympathisch beantwortet und mir zusätzlich weitere Informationen gegeben. Er hat in mir eine Begeisterung für das Festival geweckt, dass ich eine irrationale Vorfreude empfinde – für einen Event, der nicht stattfinden wird.
Als Konzert-Fotografin brauche ich keine Tickets. Beim Ghost-Festival ist das aber etwas anderes. Ich habe mir das erste Mal seit 15 Jahren ein Ticket gekauft - als Dankeschön an die Musikschaffenden, die mir vor und nach dieser Pandemie die Möglichkeit geben, das zu tun, was ich so liebe.
